Er prägte einst das Stuttgarter Stadtbild wie heute die Baukräne am Hauptbahnhof - der Vorgänger der S-Bahnzüge: Jetzt heult der Rote Heuler wieder.
Es klackt, es rattert, es heult. Lokführer Markus Müller betätigt den sogenannten Fahrschalter im Führerstand - ein Gusseiserner Hebel, mit dem Müller die Beschleunigung kontrolliert. "Mit so einem Elektrotriebwagen aus dem Jahr 1933 ist das schon was Besonderes", schwärmt Müller. Der Zug ist auf dem Weg "der ehemaligen Stammstrecke" von Stuttgart nach Esslingen und Ludwigsburg. Das Fahrzeug ist nicht irgendein Zug - es ist ein Stück fahrende Eisenbahngeschichte.
Mit als eine der ersten Strecken in Deutschland wurde 1933 die Bahnstrecke von Stuttgart nach Ulm und Ludwigsburg elektrifiziert. Die Region Stuttgart konnte seitdem elektrisch fahren und die Deutsche Reichsbahn brauchte dafür entsprechende Züge: die Roten Heuler. Den Spitznamen erhielten sie wegen des Aufheulens der Elektromotoren beim Beschleunigen.
"Diese Züge gab es nur hier in Stuttgart", erzählt Markus Müller stolz. Und die Züge fuhren nicht nur für die Schwaben, sie waren auch schwäbisch. Denn sie wurden in der Maschinenfabrik in Esslingen gebaut - insgesamt 25 Stück.
Während Markus Müller den Roten Heuler weiter Richtung Esslingen steuert, läuft hinten im Zug Claus-Jürgen Hauf durch die Sitzreihen. Er erinnert sich noch gut daran, wie die Zeit der Roten Heuler zu Ende ging. "Ich habe die Schulstunden geschwänzt", erzählt er grinsend. Das war 1978. Die Roten Heuler traten ihre letzte reguläre Fahrt an - dann übernahm die neu eingeführte Stuttgarter S-Bahn den Vorortverkehr. Das alles hat Hauf mit seiner Super-8-Kamera festgehalten.
Der Großteil der Roten Heuler wurden verschrottet. Viele Jahre später konnte aber Claus-Jürgen Hauf zwei letzte Exemplare kaufen. In der Schienenverkehrsgesellschaft (SVG), die sich auf historische Züge spezialisiert hat, fanden sie ihre neue Heimat und fuhren auf Sonderfahrten durch die Stuttgarter Region und darüber hinaus.
Elf Jahre später kehrt die Legende zurückRund elf Jahre lang konnte der Rote Heuler nicht auf Tour gehen. Denn wegen Stuttgart 21 musste die SVG ihre Gleisflächen in Stuttgart-Bad Cannstatt räumen und alle Fahrzeuge nach Horb am Neckar bringen. Claus-Jürgen Hauf, einer der zwei Geschäftsführer der SVG, und sein Team bauten dort eine neue Infrastruktur auf. Der Rote Heuler wurde erstmal abgestellt. Doch seit Juni fährt er wieder durch die Stuttgarter Region. Die Gefühle sind für Hauf nur schwer zu beschreiben: "In erster Linie Erleichterung und auch eine sehr, sehr große Freude."
Jetzt heulen die Fahrmotoren wieder auf. Und jedes Mal, wenn Markus Müller die nächste Fahrstufe im Führerstand anwählt, knackt es weiter hinten im Fahrgastraum im Schaltkasten. Und bei jedem Knacksen geht ein Grinsen über das Gesicht von Claus-Jürgen Hauf. "Das ist das, was mich als Kind so fasziniert hatte."
"Erinnerungen an früher": Fahrgäste sind begeistertDer Zug kommt in Esslingen an. Zeit für Erinnerungsfotos am Bahnhof. Neben dem 93 Jahre alten Roten Heuler halten die modernen S-Bahn-Züge. Dann geht es weiter Richtung Ludwigsburg. Die Fahrgäste bestaunen die alten Werbeschilder, die im Zug hängen. Kirsten Maurer und Inge Lutz schauen aus dem Fenster.
"Ich habe meiner Freundin die Fahrt geschenkt", sagt Kirsten Maurer. "Ich bin früher schon als Kind und auch als junge Erwachsene sehr oft mit dem Heuler gefahren", erinnert sich Inge Lutz. "Ich habe in Freudenstadt gelernt und bin dann immer hin und her gefahren." Aber auch junge Menschen wie Lukas Ramsaier fasziniert der Zug. "Ich verbinde allgemein mit älteren Eisenbahnfahrzeugen Komfort. Schauen Sie sich die Sitze an, es ist wunderbar gemütlich. Es rattert schön."
Auf Nostalgiefahrt durch die Region StuttgartNach einem kurzen Halt in Ludwigsburg geht es wieder Richtung Stuttgart. Claus-Jürgen Hauf plaudert mit den Fahrgästen, erzählt über die Geschichte des Zuges. Der Zug soll jetzt öfters wieder durch die Region fahren, erzählt Hauf.
Markus Müller steuert langsam den Stuttgarter Kopfbahnhof an. Gibt es jetzt etwas, worauf er besonders achten muss? "Auf den Prellbock. Dass man rechtzeitig anhält", sagt er lachend. "Weil sonst steht der Triebwagen im neuen Hauptbahnhof. Und dann dauert es wahrscheinlich noch länger, bis er fertig ist." Eine weitere Verzögerung von Stuttgart 21 will auch Markus Müller nicht riskieren - und so hält er punktgenau vor dem Prellbock an.
Um den Roten Heuler geht es auch in der SWR-Fernsehsendung "Eisenbahnromantik - Zuggeschichten zwischen gestern und morgen" aus dem Jahr 2008.
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