Was gucken wir heute Abend im Fernsehen? Die Frage ist kurz, aber Sie werden überrascht sein, wie viel Lebenszeit die Antwort darauf mittlerweile frisst.
Ein wenig erinnert das alles an eine zu dicke Speisekarte im Restaurant. Eine Karte, die so viel anbietet, dass die Küche geschlossen hat, wenn man sich endlich entschieden hat. So ist das mittlerweile in vielen Familien auch bei einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher.
Denn das Angebot an Filmen, Serien, Dokumentationen und Shows in der Flimmerkiste war noch nie so groß wie heute. Für immer mehr Menschen wird es anscheinend zu groß. Statt den Feierabend entspannt auf dem Sofa zu genießen, verbringen sie immer mehr Zeit damit, sich durch Streamingdienste und Mediatheken zu klicken und nach dem passenden Programm zu suchen.
„Die Menschen schauen mehr denn je“Eine aktuelle YouGov-Langzeitstudie im Auftrag der Zeitschrift TV Spielfilm Plus zeigt, dass die Qual der Wahl für viele Zuschauer inzwischen zu einer echten Alltagslast geworden ist. Nicht der Mangel an Unterhaltung ist das Problem, sondern ihr Überfluss. „Die Menschen schauen mehr denn je – und gleichzeitig fällt es ihnen immer schwerer, sich zu entscheiden“, sagt die Verantwortliche der Studie „Screens in Motion“, Marion Sperlich.
Vor allem jüngere Menschen verlieren viel Zeit bei der Suche. Wer zwischen 16 und 29 Jahre alt ist, braucht laut der Studie durchschnittlich 19 Minuten, um sich für einen Film oder eine Serie zu entscheiden. In der Zeit hatte man früher schon eine Folge geschaut. Hochgerechnet summiert sich das auf fast fünf Tage im Jahr – sofern man davon ausgeht, dass täglich gestreamt wird.
Bei den 30- bis 49-Jährigen dauert die Auswahl im Durchschnitt 15 Minuten, bei den über 50-Jährigen immerhin noch acht Minuten. Auffällig ist auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Männer suchen mit durchschnittlich 15 Minuten etwas länger nach einem passenden Angebot als Frauen, die im Schnitt nach 13 Minuten ihre Entscheidung treffen.

Youtube wird immer beliebter bei Zuschauern© Christophe Gateau/dpa | Christophe Gateau
Nie zuvor allerdings konkurrierten auch so viele Anbieter um die Aufmerksamkeit der Zuschauer in Deutschland. Neben den Mediatheken von ARD, ZDF, Arte oder 3sat buhlen mittlerweile Streamingdienste wie Netflix, Prime Video, Disney+, Apple TV+, RTL+, Joyn, HBO, Magenta, oder Paramount+ um Abonnenten.
Youtube wird bei Zuschauern immer beliebterNicht zu vergessen YouTube, das in den USA bereits zur meistgesehenen Einzelplattform aufgestiegen ist und auf internetfähigen Fernsehgeräten (Smart TVs) inzwischen mehr Zuschauer hat als jeder klassische TV-Anbieter. Ein Erfolg, der auch in Deutschland den Charakter der Plattform verändert: Statt kurzer Clips werden zunehmend lange Videos, Podcasts, Dokumentationen oder Livestreams auf dem großen Bildschirm angesehen.
Psychologen sprechen bei einem solchen Überangebot von „Entscheidungsmüdigkeit“. Je größer die Auswahl wird, desto schwerer fällt es vielen Menschen, sich festzulegen. Statt eine Entscheidung zu treffen, wird weitergesucht. Ein Trailer folgt dem nächsten, die Merkliste wächst, neue Empfehlungen werden angezeigt – und am Ende vergeht oft eine halbe Stunde, ohne dass überhaupt ein Film begonnen hat. Das Streaming macht vieles einfacher, die Auswahl jedoch ist komplizierter geworden.

Mit der Fernbedienung kann man aus einem riesigen Angebot wählen© Daniel Reinhardt/dpa/dpa-tmn | Daniel Reinhardt
Dass Streaming inzwischen den Medienalltag prägt, zeigt auch der aktuelle TV-Streaming-Report des Anbieters Zattoo. Erstmals empfangen mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte ihr Fernsehprogramm über das Internet. Mit 54 Prozent haben IPTV – also klassisches Fernsehen, das über die Internetleitung ins Haus kommt – und Streamingdienste die alten Empfangswege über Kabel, Antenne oder Satellit überholt.
Bei den Streaming-Diensten setzen immer mehr Nutzerinnen und Nutzer auf eine flexible Nutzung: 28 Prozent geben an, Streaming-Dienste bewusst nur für einen begrenzten Zeitraum abzuschließen, etwa für einzelne Serien, Filme oder Sportevents (2025: 25 %). 19 Prozent der Befragten haben im vergangenen Jahr ein Streaming-Abo aus finanziellen Gründen gekündigt.
Trotz des Streaming-Booms bleibt das klassische Live-Fernsehen wichtig. Nachrichten, große Unterhaltungsshows oder Sportereignisse werden weiterhin von Millionen Menschen verfolgt. Für klassische TV-Sender gibt es noch eine gute Nachricht. Drei Viertel der Befragten gehen sogar davon aus, dass sie auch in fünf Jahren noch regelmäßig Live-TV nutzen werden.