Wie der Musicalverein Aalen mit "Frühlings Erwachen" Tabus bricht und Fragen aufwirft. Ein Stück, das zum Nachdenken anregt.
Stand: 25.07.2026, 10:00 Uhr
Von: Dagmar Oltersdorf

Wie der Musicalverein Aalen mit "Frühlings Erwachen" Tabus bricht und Fragen aufwirft. Ein Stück, das zum Nachdenken anregt.
Königsbronn/Aalen. Schamgefühl, gesellschaftliche Normen, unerfüllte Erwartungen der Eltern – all das beschäftigt junge Menschen seit ewigen Zeiten. Und führt gestern wie heute zu fatalen Entscheidungen mit oft schrecklichen Folgen. Schon einmal hat sich 2024 der Musical Verein Aalen diesen Themen mit der Umsetzung von Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" gewidmet. Nun, nachdem der Verein kurz vor der Auflösung stand, bringen die rund 20 Jugendlichen und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 30 Jahren das damals erfolgreiche Stück noch einmal auf die Bühne. Damit überzeugen sie nach intensiver Probenarbeit in Oberkochen erneut ihr Publikum: Premiere war am Mittwochabend in der Hammerschmiede Königsbronn vor rund 100 Gästen. Zwei weitere Aufführungen stehen dieses Wochenende in Aalen an.
Die Geschichte, die "Frühlings Erwachen" erzähltGrundlage der Musicalversion ist Wedekinds Theaterstück aus dem Jahr 1891. Als es aufgeführt wurde, war das ein Skandal. Homosexualität und Missbrauch sind nur zwei der vielen Tabuthemen, die das Werk aufgreift. Heute gibt es dazu ein Rock-Musical. "Spring Awakening". Die Musical-Adaption von Steven Sater und Duncan Sheik feierte 2006 am Broadway Premiere und wurde mehrfach ausgezeichnet. Im Mittelpunkt stehen das Erwachsenwerden, Sexualität und Konflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Thematisiert wird, anders als bei Wedekind, auch die Gewalt der Heranwachsenden untereinander.
Probleme, die ihre Ursache in der Familie habenDa ist zum einen Wendla (Minna Rettenmaier), die von ihrer Mutter endlich wissen will, wie Kinder entstehen. Denn an den "Storch", der ihrer Schwester zum zweiten Mal ein Baby gebracht hat, glaubt sie nicht mehr. Prüde und moralinsauer lässt ihre stocksteife Mutter (Veronika Bucher) sie auflaufen und deutet Liebe als Grund dafür an. Aber Wendla will endlich etwas fühlen, was auch immer. Melchior (Niklas Hug), der gut aussehende, kluge und beliebte Star der Klasse, erfüllt ihr nach viel Zögern diesen Wunsch. Dass ihm die Rute dabei entgleitet, lässt ihn nicht mehr los. Scham und Schuld begleiten ihn und Wendla im Verlauf der Handlung immer wieder. Wendla schläft auch mit Melchior und wird schwanger. Ihre Mutter zwingt sie zur Abtreibung.
Moritz Stiefel (Maximilian Hug) wächst bei seinem strenge Leistung einfordernden Vater auf. Seine Mutter ist gestorben. Die Lehrerinnen haben den jungen, verklemmten Mann im Visier, und als sie endlich die Gelegenheit finden, ihm eins auszuwischen, ergreifen sie diese. Moritz sieht keinen Ausweg mehr.

Anders Ilse (Amelie Engmann), die nach den Misshandlungen durch ihren Vater die starren Regeln der Dorfgemeinschaft verlassen hat und nun in einer Künstlerkolonie lebt. Ihre Schwester Martha (Denise Mohr) dagegen erduldet die Gewalt in der Familie weiter.
Spaß und Gesprächsstoff für Familien
Eltern, die sprachlos sind und Druck ausüben, Sexualität als Tabu, Leistungsdruck zu Hause und in der Schule, das Infragestellen von Regeln und Suizid – all diese Themen behandelt das Stück. Unter der Regie von Dina Tanzmann verkörpern die jungen Darstellerinnen und Darsteller ihre Rollen teilweise fast professionell, meistern die Herausforderungen der oft durchaus schwer zu singenden Stücke meist mit Bravour. Man nimmt ihnen ihre Nöte ab.
Dass die Musik von einer Band unter der Leitung von Andreas Hug live gespielt wird, macht das Stück zudem zum Erlebnis. Auch wenn die Band die Sängerinnen und Sänger manchmal zulasten der Verständlichkeit ein wenig übertönt. Wett machen das die großartigen, oft synchronen und lebendigen Choreografien und Chöre wie "Im Arsch" des gesamten Ensembles. Einstudiert wurden die Tanzelemente von Evelyne Beder, Denise Nohr und Ida Weiß, die Funktion des Vocal-Coach hatte Regisseurin Dina Tanzmann.
Eine Inszenierung, die sich vor allem Familien mit Teenager-Kindern nicht entgehen lassen sollten. Spaß trotz des ernsten Themas ist dabei garantiert, Gesprächsstoff danach auch.
"Frühlingserwachen" im WeststadtzentrumNoch zweimal wird das Stück im Aalener Weststadtzentrum gespielt.
Am Samstag, 25. Juli, 19.30 Uhr, Weststadtzentrum. Am Sonntag, 26. Juli, 19.30, Uhr, WeststadtzentrumTicketpreise: regulär: 27,50 Euro, ermäßigt (Schüler, Studierende, Auszubildende): 16,50Euro.
VVK online über den Ticketshop von Musical Aalen, Rathaus Königsbronn, FrüchtehausHieber in Aalen, Friseursalon Mary Jane in Aalen. Oder an der Abendkasse.
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