Seine Länderspiel-Premiere als Bundestrainer gibt Klopp im September gegen die Niederlande. Er hat sich Grosses vorgenommen.
Seine Länderspiel-Premiere als Bundestrainer gibt Klopp im September gegen die Niederlande. Er hat sich Grosses vorgenommen.

Steffie Wunderl / Imago
Im Deutschen Fussball-Bund (DFB) hat ein neuer Herrscher Einzug gehalten. Es ist nicht Bernd Neuendorf, der Präsident des DFB, er sass dem neuen Regenten zur Seite. Es ist Jürgen Klopp, der ehemalige Trainer des BVB und des FC Liverpool, der grosse Erfolge feierte und der zuletzt als sogenannter Head of Global Soccer beim Red-Bull-Konzern unter Vertrag stand.
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Die Wunschlösung sei Klopp gewesen, das sagte Neuendorf bei der Präsentation des Nationaltrainers in Frankfurt, was von Hans-Joachim Watzke bekräftigt wurde, einem der Vizepräsidenten, der als Vertreter der Profiklubs einen enormen Einfluss hat. Watzke war die Freude über das Engagement anzumerken, hatte er doch als BVB-Präsident jahrelang darauf gehofft, dass es einmal zu einer Rückkehr Klopps zum BVB kommen würde. Nun vollzieht sich die Wiedervereinigung in einem anderen Rahmen.
«Ich mache diesen Job für euch»Eine Stunde lang dauert die Präsentation Klopps, dessen erstes Länderspiel Ende September gegen die Niederlande ist. Im Wesentlichen handelte es sich um einen Monolog des Trainers, der in manchen Details einer Regierungserklärung ähnelte. Ganz wesentlich aber war Klopp darum bemüht, eine Grenze zwischen sich und den Journalisten zu ziehen und sie gleichzeitig wieder aufzuheben: «Ich mache diesen Job nicht für mich. Ich mache ihn für euch.» Einen solchen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Klopp, der etwas mehr verdienen soll als Julian Nagelsmann, also mehr als sieben Millionen Euro, macht den Job nicht, um den eigenen Ruhm zu mehren oder einfach nur wieder das zu tun, was er am besten kann, nämlich eine Fussballmannschaft zu trainieren. Sondern er folgt dem Ruf einer Öffentlichkeit, die er mit ihren Medienvertretern gleichsetzt.
Dass es sich dabei um einen Fehlschluss handelt, ist offensichtlich, aber es war bloss ein rhetorischer Kunstgriff, um das eigentliche Anliegen zu formulieren: sich gegen Kritik zu immunisieren, zumindest gegenüber denjenigen, auf die er Einfluss hat. Und das sind Presse, Funk und Fernsehen: «Ich übernehme diesen Job, obwohl ich gesehen habe, wie ihr Julian Nagelsmann behandelt habt. Ich übernehme ihn, obwohl ich gesehen habe, wie ihr Thomas Tuchel behandelt habt.»
Klopp hatte sein Interesse während der WM lanciertDass Julian Nagelsmann als deutscher Nationaltrainer keinen leichten Stand hatte, ist richtig, dasselbe gilt für Thomas Tuchel als Trainer der englischen Auswahl. Allerdings gibt es einen Mann, der einen erheblichen Anteil an der Stimmung gegenüber Julian Nagelsmann hat, und der heisst Jürgen Klopp. Es sei noch einmal daran erinnert, wie er gemeinsam mit Thomas Müller als Experte für Magenta-TV herumflachste und formulierte, dass Julian Nagelsmann die Mannschaft «noch» aufstellen müsse. Als Klopp wenig später, während der WM, mit Nagelsmann zusammentraf, entschuldigte er sich zwar für das, was er als Lapsus verstanden haben wollte.
Nur wirkten seine Beteuerungen nicht glaubhaft; vielmehr waren seine Auftritte bei Magenta-TV eine Bühne, um seine Bewerbung zu lancieren. Klopp hat sich gegenüber Nagelsmann in höchstem Grade unkollegial verhalten, ja er hat ihn mit dieser Aussage gewissermassen sturmreif geschossen. Den Medien nun die Rolle einer unangemessenen Kritik zuzuschieben, könnte man originell nennen, wäre das Manöver nicht so durchsichtig. Und die Frage ist auch, ob Klopp sich damit einen Gefallen getan hat. Denn am Schluss wirkte er in seiner ganzen Attitüde extrem selbstgerecht.
Aber es ging noch weiter. Kritisiert wurde Nagelsmann unter anderem dafür, dass er mit seiner Ehefrau mit dem Fahrrad zum Training gefahren ist. Tatsächlich sieht man solche Bilder von anderen Nationalteams eher selten, und die Frage, ob sich ein Nationaltrainer über die Wirkung der Bilder, die er erzeugt, im Klaren ist, ist nur berechtigt. Nur über den Ton der Kritik kann man gewiss diskutieren, sehr fehlgeleitet ist sie nicht. Aber Klopp hatte noch eine Drohung parat: «Wenn ihr euch danebenbenehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, dann bin ich weg. Wenn ihr denkt, ich bin Müll, sagt es mir ins Gesicht, und ich gehe sofort, ohne irgendeine Entschädigung zu verlangen.»
Letztere Aussage wäre zu überprüfen, sollte der Fall eintreten; frappierend aber ist, dass Klopp gleich in seinem ersten öffentlichen Auftritt das grobe Besteck hervorholt.
Aber es war nicht alles bizarr, was Klopp von sich gab. Klug war seine Definition von Erfolg, hinter die er sich immer wieder zurückziehen kann: «Erfolg ist Leistung in Relation zur Erwartungshaltung.»
Zwar sprach Klopp nicht davon, in zwei Jahren Europameister werden zu wollen und in vier Jahren den Weltmeistertitel zu garantieren. Aber er schuf auf andere Art Erwartungen, indem er skizzierte, was die Auftritte eines Nationalteams im besten Fall für das Land bewirken könnten: «Stellen Sie sich mal vor, es wäre so: Am nächsten Tag wäre der Nachbar nicht mehr so ein Arsch, wie wir im Moment vielleicht denken, dass er ist. Oder das Wetter wäre nicht so schlecht, oder Friedrich Merz würde nicht alles falsch machen, obwohl er versucht, alles richtig zu machen, und so weiter.»
So stellte Klopp, vermutlich ohne böse Absicht, dem Bundeskanzler ein verheerendes Arbeitszeugnis aus, indem er ihm attestierte, bemüht zu sein. Schon Julian Nagelsmann hat sich nach dem Ausscheiden bei der EM 2024 keinen Gefallen damit getan, seine Abschlusspressekonferenz zu einer Rede an die Nation werden zu lassen.
Mertesacker wird SportdirektorDabei sagte Klopp selbst, dass er den Verband erst noch kennenlernen müsse, der ausserdem noch einen neuen Sportdirektor bekommt: Per Mertesacker wird die Nachfolge von Andreas Rettig antreten. Klopp wird immerhin nicht allein sein: Seinen ehemaligen Dortmunder Spieler Sven Bender bringt er als Co-Trainer mit, genau wie Pepijn Lijnders, einen Niederländer, mit dem er beim FC Liverpool zusammengearbeitet hat, und Peter Krawietz, einen Weggefährten seit Mainzer Zeiten. Auch sein Berater Marc Kosicke wird in einer Funktion beim DFB tätig werden.
Klopps bisheriger Arbeitgeber Red Bull wird keine Entschädigung erhalten, dafür werden drei Länderspiele im Leipziger Stadion ausgetragen. An eine Stiftung des Konzerns zahlte der DFB zudem eine Million Euro. Dass ein gemeinnütziger Verband die Stiftung eines Konzerns alimentiert, kann als eine besondere Pointe dieses Deals begriffen werden.
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