Die Berner Oberländer starten am Samstag mit dem unbekannten Trainer Gian-Luca Privitelli in die Saison. Sie haben ein Herzstück, einen Geldgeber und die Hälfte der 80 Meister-Tore verloren. Der wundersame Meistertitel wird auch zur Lebensprüfung.
Die Berner Oberländer starten am Samstag mit dem unbekannten Trainer Gian-Luca Privitelli in die Saison. Sie haben ein Herzstück, einen Geldgeber und die Hälfte der 80 Meister-Tore verloren. Der wundersame Meistertitel wird auch zur Lebensprüfung.

Peter Klaunzer / Keystone
Er sei nicht Alex Frei. Er sei auch als Fussballer nicht gewohnt gewesen, viel Publikum vor sich zu haben, sagt der 48-jährige Gian-Luca Privitelli. Den neuen Trainer des FC Thun haben nur wenige auf dem Radar. Doch jetzt ist er im Europacup unterwegs. Nach dem 1:1-Remis gegen Dinamo Zagreb versuchen die Berner Oberländer im Rückspiel am Dienstag in Kroatien, in der Qualifikation für die Champions League die erste von drei hohen Hürden zu überspringen.
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Der erste Match im ausverkauften Thuner Stadion ist vorbei. Privitelli bleibt guten Mutes und sagt im Hinblick auf die mutmasslich hitzige Stimmung im Zagreber Stadion mit sanfter Ironie: «Ich war noch nie dort, wie ihr alle wisst.» Privitelli steht für das Namenlose, für Bescheidenheit. Trainerstationen in Diessbach, Lyss, beim Stadtberner Quartierverein Breitenrain, im Nachwuchs des FC Thun und des FC Basel, zuletzt U-20-Auswahl.
Für Gian-Luca Privitelli ist alles neuErwartungen, volles Stadion, am Samstag Auftakt zur Meisterschaft in Luzern, danach Zagreb. Die Zeit sei «sehr intensiv», sagt Privitelli, die «Hektik bei Auswechslungen», die Gangart, das Drumherum. Der Trainer hat eine Frage: «Was gibt es Schöneres?» Und gibt die Antwort gleich selbst: «Wahrscheinlich nichts.»
Der FC Thun hat einen Lauf hinter sich, der ihn in Grenzbereiche gebracht hat. Aufstieg in die Super League 2025. Überflug und Meistertitel gegen teilweise desaströse Konkurrenz 2026. Jetzt Zagreb, die Königsklasse vor Augen, zumindest am Horizont. Auch der familiäre Kleinklub kann sich nicht dagegen stemmen, dass im Erfolg auch etwas zerfällt. Gerade im Schweizer Klubfussball, dem zentrifugale Kräfte nicht fremd sind. Wer gehen kann, geht durch die erste Tür.
Der Meistertrainer Mauro Lustrinelli wechselte in die Bundesliga zu Union Berlin, die Spieler Franz-Ethan Meichtry und Elmin Rastoder nach Genua in die Serie A und zu Panathinaikos Athen. Für das Trio werden über 8 Millionen Euro Transfereinnahmen fällig. Ob noch mehr erneuert werden muss, ist offen, aber wahrscheinlich. Der Leihspieler Kastriot Imeri ging zu YB zurück, weil sich in Thun die Meinung durchsetzte, dass der extravagante Spieler nur mit Lustrinelli funktioniert.
Leonardo Bertone erzwingt den AbgangZum Härtefall wurde dagegen der Fall Leonardo Bertone, das Herzstück im meisterlichen Thuner Mittelfeld. Er einigte sich mit dem FC Luzern schnell und liess das den FC Thun auch umgehend wissen. Die mediokre letzte Saison der Zentralschweizer kann ihn nicht vom meisterlichen Thron weggelockt haben. Er macht als 32-Jähriger aber einen deutlichen Lohnsprung, da er in Luzern als Schlüsselspieler vorgesehen ist.

Urs Flüeler / Keystone
Vielleicht fühlte er sich in Thun nach vier Jahren auch schlichtweg gesättigt. Besser kann’s dort nicht werden. Auch Lustrinelli war ein Thuner Langzeittrainer, der auf dem steilen Weg zum Meistertitel viel Energie verschlissen hat. Dass er Union Berlin das Jawort gab, ist nachzuvollziehen. Doch bei Bertone liegen die Dinge anders. In der Momentaufnahme ist Luzern für ihn kein sportlicher Aufstieg.
Der Abgang Bertones ging denn auch geräuschvoll vonstatten, zumal den Berner Oberländern als Ablösesumme nur eine kleine sechsstellige Summe geblieben ist. Das ist wenig für ein entrissenes Herzstück mit laufendem Vertrag. Aber wenn der Spieler weg will und inständig Dankbarkeit sowie Wertschätzung einfordert, wird’s selbst für einen Schweizer Fussballmeister schwer. Auf stur schalten kann dieser nicht, weil ihm sonst der Vorwurf der Undankbarkeit droht. Und Unruhe.
Gleichwohl klammert sich der FC Thun an seine Prinzipien. Ein Indikator dafür ist die Wahl von Privitelli als Trainer. Ein anderer sind die Transfers. Der Meister bedient sich in der Challenge League, von wo die Aarauer «Nicht-Aufsteiger» Nassim Zoukit und Dorian Derbaci herkommen. Oder er holt zwei Berner in die Schweiz zurück. Nico Maier, der in Linz aus der obersten österreichischen Liga abgestiegen ist. Und den 30-jährigen Nicolas Bürgy, der mehrere Jahre in Dänemark war.
Mauro Lustrinelli stellte rhetorische FragenDer Match gegen Zagreb deutete an, dass der FC Thun keine neue Spur sucht und ein grosses Team bleiben will. «Hier wurde Geschichte geschrieben, wir müssen das Gute bewahren», sagt der Coach Privitelli. Und weist auf die Thuner DNA hin: «Alle sind mit im Boot.» Privitelli ist zwar neu, aber das langjährige Thuner Trainerteam bleibt. Der eloquente Privitelli pflege den partizipativen Ansatz und fordere Meinungen ein, ist aus Spielerkreisen zu hören. Lustrinelli soll mehr rhetorische Fragen gestellt und diese oft gleich selbst beantwortet haben.
Das System Thun bedeutet auch: Der Berner Bertone ist weg, aber der Thuner Justin Roth bleibt, eine Art Laufwunder, das im Mittelfeld mehr Raum erhält. Wie Valmir Matoshi, auch er ein Thuner. Dennoch: Thun hat nicht nur Rastoder, Meichtry, Bertone und Imeri verloren, sondern mit ihnen 40 seiner 80 Meister-Tore. Das ist nicht zu kompensieren. Dennoch schielt man nicht auf einen teuren Realersatz für den abtrünnigen Bertone.
Ein Meistertitel zieht Begehrlichkeiten nach sich. Alles wird teurer. Auch in Thun hat sich der Staff mit den früheren Spielern Nino Ziswiler und Simone Rapp erweitert. Zudem wird erfolgreiches Personal nicht kostengünstiger. Und: Der FC Thun hat mehr Geld und kann sich in Verhandlungen nicht mehr als Habenichts verkaufen.
Die abgesetzten Saisonkarten haben sich auf rund 5000 verdoppelt, auch im Fanshop geht mehr über den Ladentisch als zu Challenge-League-Zeiten. Der Lauf zum Meistertitel hat die Berner Oberländer schier aufgefressen. Es ging rasant und hat auch ermüdet. Intern soll schon die Frage gestellt worden sein, ob «man vor lauter Erwartungen sterben kann».
Nur Phantasten rechnen mit dem nächsten Wunder, mit den Champions-League-Millionen. Klappt das nicht, winkt immerhin die Gruppenphase in der Europa League oder Conference League. Die würde Geld bringen und beruhigen, gleichzeitig aber auch ungewohnte Doppelbelastung bedeuten.
Der Unternehmer Fahrni schied aus – mitten im ErfolgDer Trubel um den Meistertitel überdeckte einen Machtkampf hinter den Kulissen, der zum definitiven Abgang des IT-Unternehmers Beat Fahrni führte. Dank ihm und seinen 2024 und 2025 eingeschossenen 3,8 Millionen verscheuchte der Klub Existenzängste, dank ihm war der Kleinklub auf dem Spielermarkt nicht mehr nur Bittsteller, was für den Titelgewinn wesentlich war. Und: Fahrni band den Krankenversicherer Visana als Hauptsponsor stärker ein.
Jetzt ist Fahrni, der bisweilen in Trumpscher Manier durch die Büroräumlichkeiten fegte und der gnadenlos unternehmerische (Spar-)Ziele verfolgt, gleich ganz ausgeschieden, zuerst zog er sich unmittelbar vor dem Titelgewinn aus der operativen Leitung zurück, im Juni verliess er den Verwaltungsrat und gab seine Anteile ab. Seine Firmen sind im Stadion nicht mehr präsent. Allein der Zeitplan und das Ausradieren von Schriftzügen legen offen, dass viele Scherben herumliegen. Obschon die Scheidung gegen aussen in Watte gepackt wird.

Peter Klaunzer / Keystone
Der Klubchef Andres Gerber holte Fahrni 2023 in der finanziellen Not in den damaligen Challenge-League-Klub. Auf dem Weg zum Erfolg war der eine auf den anderen angewiesen. Wie eine Abhängigkeit, so unterschiedlich die zwei auch sind. Hier Gerber mit seiner Linie, mit seinem Instinkt in sportlichen Personalfragen und mit seiner Wirkung gegen aussen, dort Fahrni mit etwas Geld, mit Risikobewusstsein, mit der harten Hand und mit dem schonungslosen unternehmerischen Blick von aussen. Good cop, bad cop.
Wer Geld gibt, bleibt im DunstDoch je besser der FC Thun spielte, desto grösser wurden offenbar die Unverträglichkeiten, auch zwischen Gerber und Fahrni. Und dies vor allem deshalb, weil der Hauptsponsor Visana immer stärker Einfluss nimmt, ohne allerdings im Verwaltungsrat zu sitzen. Da läuft viel über drei Ecken herum. Nach wie vor ist nebulös, wer neben dem Krankenversicherer Mittel bereitstellt und für Überbrückungsdarlehen in Millionenhöhe geradesteht.
Von geheimnisvollen Geldgebern ist die Rede, über deren Herkunft selbst im Innern des Klubs gerätselt wird. Das schürt Gerüchte, wonach der Hauptsponsor indirekte Kanäle legt. Ein neuer Sponsor kommt schon einmal aus seinem Haus. Überhaupt ist zu hinterfragen, wie stark sich ein Allbranchenversicherer im Fussball- und Stadion-Sponsoring einbringt, dessen Kern die obligatorische Krankenversicherung bleibt. Die Anfrage der NZZ für einen Kontakt zum CEO Angelo Eggli liess die Visana zum zweiten Mal unbeantwortet.
Der FC Thun ist interessant geworden. Das erhöht Aufmerksamkeit und Anspruch – und schüttelt durch. Denn alle wissen: Nach einem steilen Aufstieg ist der Absturz nicht ausgeschlossen. Gerade im Fussball, wo die Kräfte im Erfolgsfall in alle Richtungen ziehen.