Ein einziges Duftmolekül entscheidet im Untergrund über Macht und Fortpflanzung: Nacktmull-Königinnen produzieren einen Geruch, der ihre Arbeiterinnen unfruchtbar macht und Frieden in der Kolonie sichert.
AUDIO: Nacktmulle: Der Geruch der Macht (4 Min)
Faszinierendes Sexleben
Wie ein Duftmolekül die Fortpflanzung der Nacktmulle vorgibtStand: 16.07.2026 17:09 Uhr
Nacktmulle gelten als die "Ameisen" unter den Säugetieren: Sie leben in streng organisierten Staaten, in denen nur eine Königin Nachwuchs bekommt. Warum die übrigen Weibchen unfruchtbar bleiben, war lange rätselhaft. Nun zeigt eine Studie: Ein von der Königin produzierter Duftstoff, Isopropylmyristat, schaltet die Fortpflanzung der Arbeiterinnen ab – und hält zugleich Rivalität und Gewalt im Tunnelstaat in Schach.
von MDR WISSEN/ IZ
Sie leben weitestgehend verborgen in riesigen, unterirdischen Tunnelsystemen in der Halbwüste. Aber für die Forschung sind Nacktmulle enorm spannend, denn: Ihre Fortpflanzung und Lebensweise scheinen sich sämtlichen Säugetier-Logiken zu entziehen. Die Tiere leben in Kolonien mit 20 bis 300 Individuen und werden bis zu 40 Jahre alt, was sie zu den langlebigsten Nagetieren der Welt macht.
Außerdem faszinierend: Ähnlich wie Bienen oder Ameisen leben die Tiere in Staaten mit strikter Arbeitsteilung. Im Fachjargon heißt das "Eusozialität". Auch die Fortpflanzung ist Gegenstand dieser Arbeitsteilung. Die Nacktmull-Königin ist das einzige Weibchen, das sich in der Kolonie fortpflanzen kann. Sie paart sich mit einigen Zuchtmännchen. Dazu kommen viele unfruchtbare Arbeitermännchen und -weibchen.
Arbeitsteilung bei Nacktmullen
Die nackte Ordnung
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Bislang war nicht ganz klar, warum die Arbeiternacktmulle sich nicht fortpflanzen, obwohl männliche und weibliche Geschlechtsorgane bei ihnen durchaus angelegt sind. Nun haben Forschende, darunter auch der Jenaer Geruchsforscher Bill Hanson, herausgefunden, dass das vermutlich mit einem speziellen Duftmolekül zusammenhängt. Die Verbindung mit dem Namen Isopropylmyristat wird von der Nacktmull-Königin selbst abgesondert. Die Duftverbindung löst bei allen anderen Weibchen eine vorübergehende Unfruchtbarkeit aus.
Das Forscherteam um Dr. Mohammed Khallaf konnte den Duft der Nacktmullkönigin mit einem chemischen Verfahren identifizieren. Isopropylmyristat wird in der Kosmetik häufig als Lösungsmittel und feuchtigkeitsspendender Zusatzstoff verwendet. Für den Menschen ist es geruchslos – aber auf die Nacktmulle hatte es eine starke Wirkung.
"Mithilfe elektrophysiologischer Methoden und funktioneller Ultraschallbildgebung, die den Blutfluss und damit die Aktivität in bestimmten Hirnregionen misst, konnten wir zeigen, dass ihre Geruchsrezeptoren diese Verbindung erkennen und die entstehenden Signale in den olfaktorischen Zentren des Gehirns verarbeitet werden", erklärt Khallaf.
Interessanterweise wirkt der Duftstoff auch ohne die Anwesenheit der Königin. Die Forschenden setzten Nacktmullweibchen und -männchen testweise in ein isoliertes Gehege. Nach wenigen Tagen ohne die Anwesenheit der Königin wurden die Tiere sexuell aktiv. Wurde im Gehege allerdings der Duft der Nacktmull-Königin verteilt, blieben die Tiere unfruchtbar.
Weitere Experimente zeigten, dass Isopropylmyristat die Konzentration von Prolaktin erhöht. Das ist ein Hormon, das die Fruchtbarkeit bei Säugetieren verringert. Offenbar trägt es auch dazu bei, Kämpfe in der Nacktmull-Kolonie zu verringern. Wenn die Nacktmull-Königin stirbt oder aus der Kolonie entfernt wird, kommt es innerhalb weniger Tage zu heftigen Kämpfen und neuem Paarungsverhalten. Sobald das erste Weibchen trächtig wird, übernimmt es die Rolle der Königin und die Stabilität kehrt zurück.
"Die Vorstellung, dass ein einzelner Duft Frieden sichern und Gewalt verhindern kann, klingt vielleicht nach Science-Fiction", sagt Khallaf. "In der Welt der Nacktmulle ist sie Realität." Das Team war überrascht, dass ein so komplexes Sozialsystem offenbar durch ein einziges chemisches Signal reguliert wird und nicht durch einen ganzen Cocktail von Pheromonen, wie es bei Insekten meist der Fall ist, fügt er hinzu.
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Die Studie A queen odour mediates reproductive suppression in a eusocial mammal ist im Journal Nature erschienen und kann hier nachgelesen werden.
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