Können bakterielle Reize der Mutter die Stressresilienz der Kinder beeinflussen? Eine neue Studie von Forschern aus Ulm und Frankfurt liefert Hinweise auf ein mikrobielles Erbe gegen Stress.
AUDIO: Schutz vor Stress: Darm-Bakterien wirken generationsübergreifend (1 Min)
Mikrobiom
Stand: 03.07.2026 16:06 Uhr
Chronischer Stress hinterlässt Spuren im gesamten Körper und beeinflusst das Immunsystem nachhaltig. Eine neue Studie von Forschern aus Ulm und Frankfurt zeigt nun im Mausmodell Überraschendes: Die Behandlung von Muttertieren mit dem harmlosen Bodenbakterium Mycobacterium vaccae schützt deren Nachkommen im Erwachsenenalter vor Stressfolgen. Obwohl den Jungtieren selbst nie das Bakterium verabreicht wurde, zeigten sie eine deutlich höhere psychische und körperliche Widerstandskraft.
von MDR WISSEN / RR
Stress betrifft nicht nur die Psyche, sondern den gesamten Körper. Wenn der Organismus unter dauerhaftem psychosozialem Druck steht, geraten Hormone und die Abwehrkräfte aus dem Gleichgewicht. Warum manche Menschen und Tiere unter starker Belastung schwer erkranken, während andere widerstandsfähig bleiben, ist eine zentrale Frage der modernen Medizin. Eine Forschungsgruppe der Universitäten Ulm und Frankfurt hat nun in einer Studie an Mäusen eine überraschende Entdeckung gemacht: Ein einfaches Umweltbakterium kann die Widerstandskraft gegen Stress bis in die nächste Generation hinein stärken.
Widerstandsfähigkeit geht auf Kinder überDie Wissenschaftler nutzten für ihre Untersuchung ein harmloses, im Boden lebendes Bakterium namens Mycobacterium vaccae. Dieses gehört zu den sogenannten "alten Freunden" – Mikroorganismen, mit denen sich Mensch und Tier im Laufe der Evolution gemeinsam entwickelt haben. In modernen, stark asphaltierten Städten fehlt uns jedoch oft der Kontakt zu diesen nützlichen Helfern aus der Natur. Das kann dazu führen, dass dem Immunsystem wichtige Reize fehlen, wodurch Fehlreaktionen und dauerhafte, unterschwellige Entzündungen begünstigt werden. Solche Prozesse spielen eine große Rolle bei psychosomatischen Leiden, also körperlichen Beschwerden, die durch psychischen Stress ausgelöst oder verstärkt werden – wie etwa Angststörungen, Depressionen oder chronische Darmerkrankungen.
Im Experiment erhielten weibliche Mäuse vor der Trächtigkeit ein hitzeinaktiviertes, also abgetötetes Präparat dieses Bodenbakteriums. Die große Überraschung folgte im Erwachsenenalter der Jungtiere: "Dabei zeigte sich, dass die Nachkommen der behandelten Muttertiere im Erwachsenenalter besser vor typischen Folgen von Stress geschützt waren als die Nachkommen unbehandelter Tiere", fasst Erstautorin Jessica Schiele die Ergebnisse zusammen.
Biologischer Schutzschild für die NachkommenBesonders deutlich waren die schützenden Effekte bei den männlichen Jungtieren zu beobachten. Während normaler chronischer Stress bei Mäusen zu einer Verkleinerung der Thymusdrüse (einem wichtigen Organ des Immunsystems), einer krankhaften Vergrößerung der Milz und sogar zu einem verminderten Knochenwachstum führt, blieben die Nachkommen der behandelten Muttertiere vor diesen körperlichen Schäden weitgehend verschont. Zudem verhinderte das mikrobielle Erbe, dass die Immunzellen eine sogenannte Glukokortikoid-Resistenz entwickelten. Das bedeutet, dass der Körper weiterhin normal auf das körpereigene Anti-Stress-Hormon Cortison reagieren konnte, anstatt abzustumpfen und chronische Entzündungen im Körper zu befeuern.
Die Forscher stellten fest, dass die Gesamtheit der Darmbakterien – das sogenannte Mikrobiom – bei den geschützten Nachkommen eine deutlich höhere Vielfalt aufwies. Es vermehrten sich vor allem Bakteriengruppen, die wichtige kurzkettige Fettsäuren produzieren. Diese Stoffwechselprodukte sind in der Medizin dafür bekannt, dass sie die Darmgesundheit aktiv fördern und das Immunsystem regulieren.
Neue Wege für die Medizin der Zukunft?Wie genau die generationsübergreifende Übertragung stattfindet, ist noch Gegenstand der Forschung. Möglich wäre eine Weitergabe über den direkten Kontakt im Nest oder die Muttermilch. Da Mäuse von Natur aus den Kot von Artgenossen fressen, könnten die veränderten Darmbakterien der Mutter aber auch auf diese Art auf die Jungtiere übertragen worden sein. Obwohl sich die Ergebnisse aus dem Mausmodell nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen, weisen die Daten laut Jessica Schiele klar darauf hin, dass das Mikrobiom ein möglicher Vermittler dieser generationsübergreifenden Effekte sein könnte.
In Zukunft könnten diese Erkenntnisse helfen, völlig neue Präventionsstrategien gegen stressassoziierte psychosomatische Erkrankungen zu entwickeln. Denkbar wäre neben dem Einsatz von Probiotika (Präparaten mit lebenden, nützlichen Mikroorganismen) auch die Nutzung von Präbiotika, also bestimmten Nahrungsbestandteilen, die nützliche Darmbakterien gezielt füttern. Eine weitere vielversprechende Möglichkeit sind sogenannte Postbiotika. Dabei handelt es sich um abgetötete Bestandteile hitzeinaktivierter Bakterien – genau wie das in der Studie genutzte Präparat der "alten Freunde" –, die als sichere Nahrungsergänzungsmittel das Mikrobiom und damit die Stressresilienz unterstützen könnten.
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