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Wie die Wiesenweihe in Sachsen-Anhalt überlebt

Дата публикации: 01-07-2026 10:49:39

Im Frühsommer beginnt für Vogelschützer in Sachsen-Anhalt ein Wettlauf mit der Ernte: Sie müssen Nester der seltenen Wiesenweihe in Getreidefeldern finden, bevor Mähdrescher sie zerstören. Die Zeit drängt im Klimawandel

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Die Wiesenweihe (Foto: René Fonger / BUND)

AUDIO: Wie die Wiesenweihe in Sachsen-Anhalt überlebt (3 Min)

Klimawandel und Vogelschutz

Stand: 01.07.2026 12:49 Uhr

Jeden Frühsommer beginnt für Vogelschützer in Sachsen-Anhalt ein Wettlauf mit der Ernte: Sie müssen die Nester der seltenen Wiesenweihe in Getreidefeldern finden, bevor Mähdrescher sie zerstören. Doch durch den Klimawandel bleibt ihnen dafür immer weniger Zeit.

Die Wiesenweihe gehört zu den seltensten Vogelarten in Deutschland. In den 1990er Jahren galt sie hierzulande als fast ausgestorben. Inzwischen haben sich die Bestände durch Artenschutzprogramme stabilisiert, die Art gilt jedoch immer noch als stark gefährdet. In Sachsen-Anhalt leben laut Angaben des BUND wahrscheinlich 40 bis 50 Wiesenweihen-Paare – die meisten davon in der Altmark und im Zerbster Land, einzelne auch in der Börde.

Nest einer Wiesenweihe im Getreidefeld in Sachsen-Anhalt

Die Wiesenweihe ist ein graziler Greifvogel aus der Familie der Habichte. Die aschgrauen Männchen wiegen nur bis zu 300 Gramm, die braunen Weibchen bis zu 400 Gramm. Im Vergleich zu anderen Greifvögeln ist die Art damit ausgesprochen leicht: Ein weiblicher Habicht bringt beispielsweise rund 1100 Gramm auf die Waage.

Als Zugvogel verbringt die Wiesenweihe den Großteil des Jahres in Afrika, wo sie überwintert. Mitte April kommt sie für vier Monate nach Deutschland, um zu brüten. Früher nistete die Art in Wiesen und Sumpfgebieten, aufgrund des Verlusts dieser Lebensräume weicht sie inzwischen häufig auf Getreidefelder aus. Das ist gefährlich, denn die Jungvögel sind oft noch nicht flügge, wenn die Ernte beginnt. Die Nester drohen dann samt Nachwuchs durch die Erntemaschinen zerstört zu werden.

Auf der Suche nach den versteckten Nestern

Das zu verhindern ist Ziel des “Schutzprojekts Wiesenweihe” des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Sachsen-Anhalt. Das Projekt besteht seit 2018 und wird aktuell durch das Umweltministerium des Landes Sachsen-Anhalt gefördert. René Fonger koordiniert das Projekt, er kümmert sich seit 20 Jahren um den Schutz der Wiesenweihe und betreut derzeit ein Gebiet von rund 500 Quadratkilometern im Zerbster Land. Während der Brutsaison hat er viel zu tun, an manchen Tagen ist er 15 Stunden unterwegs. Er sucht systematisch nach versteckten Nestern in den Getreidefeldern. Dafür prüft er Orte, an denen die Vögel in der Vergangenheit schon gebrütet haben. Außerdem geht er Hinweisen nach, die er über das Portal “Ornitho” bekommt, dort können Vogelkundler und Laien Vogelbeobachtungen melden. “Wenn man im Laufe der Woche öfters aus der gleichen Region immer wieder Altvögel gemeldet bekommt oder manchmal sogar Männchen und Weibchen zusammen, dann ist es schon mal ein toller Hinweis. Da lohnt es sich dann, hinzufahren und zu gucken, ob da wirklich ein Nest ist”, sagt Fonger. Sobald er ein Nest gefunden hat, sichert er es mit einem Zaun, um es vor Füchsen und anderen Fressfeinden zu schützen. Der Zaun soll auch verhindern, dass Getreide auf das Nest fällt.

BUND-Mitarbeiter René Fonger beim Aufstellen eines Schutzgitters für Wiesenweihen

Landwirte helfen beim Artenschutz

Außerdem markiert René Fonger eine Schutzzone von 30 mal 30 Metern rund um das Nest, die die Landwirte dann bei der Ernte aussparen und erst ernten, wenn die Jungvögel ausgeflogen sind. Für den Mehraufwand und die Ertragseinbußen können sie eine Entschädigung beantragen. Die meisten Landwirte seien sehr kooperativ, sagt Fonger. So auch Benjamin Ulrich. Er leitet einen Ackerbaubetrieb mit 2000 Hektar in Isterbies. Bisher hat zwar noch keine Wiesenweihe in seinen Feldern gebrütet, aber er sieht kein Problem darin, den geschützten Bereich um ein Nest bei der Ernte auszusparen: Das könne man für den Naturschutz in Kauf nehmen.

Der Klimawandel erhöht den Zeitdruck

Die Suche nach den Nestern ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Wiesenweihe brütet besonders gern in Wintergerste und ausgerechnet die wird als erstes geerntet, meist wenn die Vogeljungen noch nicht flügge sind. Vogelschützer wie René Fonger müssen sich also beeilen, um die Nester rechtzeitig zu finden. Die Folgen des Klimawandels verstärken den Zeitstress dabei noch zusätzlich: Aufgrund der zunehmenden Hitze und Trockenheit reift das Getreide schneller und viele Landwirte ernten früher: “In den Jahren, wo die Ernte so früh stattfindet, in den Dürrejahren, die wir 2018, 2019 und 2020 hatten, hätte es fast keine Brut vor der Ernte geschafft flügge zu werden”, erklärt René Fonger. Die Wiesenweihe ist also immer stärker auf die Vogelschützer angewiesen und denen bleibt immer weniger Zeit: “Da müssen wir schon ganz schön Dampf machen”, sagt Fonger.

Eier einer Wiesenweihe in einem Getreidefeld

Bundesweites Schutzprogramm in den Startlöchern

Bisher ist der Schutz der Wiesenweihe Ländersache. Das Artenschutzprogramm in Sachsen-Anhalt sei derzeit auf aufeinanderfolgende Fördermittel angewiesen, was langfristige Investitionen erschwere, so Fonger: “In den vergangenen Jahren kamen die Fördergelder erst relativ kurzfristig. Die Drohnen, die die Suche nach Nestern erheblich erleichtern könnten, müssen aber mit Vorlauf bestellt werden, weil sie auf Anfrage produziert werden”. Das könnte sich jedoch bald ändern: Das Bundesamt für Naturschutz will ab Herbst ein bundesweites Artenhilfsprogramm für die Wiesenweihe starten, an dem zehn Bundesländer beteiligt sein werden, darunter auch Sachsen-Anhalt.

MDR WISSEN / Alea Rentmeister

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