FaceTime-Geschrei, Schuhe auf den Sitzen, Chaos an den Türen: Im Berliner ÖPNV geht die Rücksicht verloren. Mit Berliner Schnauze hat das nichts zu tun.
Tägliche Hupkonzerte, ständiges Gefluche auf den Straßen und Tausende Stinkefinger: Als gebürtiger Berliner habe ich in meinen 28 Jahren schon so einiges von jener allseits bekannten Art der Hauptstädter mitbekommen, die viele Nicht-Berliner als grummelig, brummig, schnoddrig und manchmal auch respektlos beschreiben.
Dabei bin ich wahrlich nicht zimperlich. Nicht selten verspüre ich sogar ein wohlig warmes Heimatgefühl, wenn mich der Mitarbeiter an der Fleischtheke nach nicht einmal zehn Sekunden Grübeln ungehalten fragt: „Willste jetzt kieken oder koofen?“ Oder wenn ich mal wieder die lautstarke Ansage eines U-Bahn-Fahrers höre, dass man „jefälligst mit’m Fahrrad nich in den ersten Wagen“ einzusteigen hat.
All das ist Musik in meinen Ohren. Denn ich weiß, dass die Berliner Schnauze zwar hart klingt, aber häufig gar nicht böse gemeint ist. Sie ist direkt, ehrlich und manchmal sogar herzlich – nur eben ohne das lästige Verpackungsmaterial aus Höflichkeitsfloskeln. Sie gehört zu dieser Stadt wie die Currywurst, das Berghain, die unzähligen Spätis und der Busfahrer, der einem die Tür demonstrativ vor der Nase schließt.
In den vergangenen Monaten fällt mir jedoch immer häufiger eine Entwicklung auf, die mich trotz meiner jahrelangen Abhärtung wütend macht: die zunehmende Respektlosigkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln.
FaceTime-Krakele, nackte Füße und stinkende DönerLaute FaceTime-Telefonate, nackte Füße und Schuhe auf den Sitzen, Fast-Food-Orgien, bei denen die Hälfte des penetrant nach Zwiebeln stinkenden Döners auf dem Boden landet: Die Liste der Unsitten im Berliner Nahverkehr wird immer länger. Dazu kommt die ignorante Unart, älteren Menschen keinen Sitzplatz anzubieten, weil man sich mit Noise-Cancelling-Kopfhörern nicht nur akustisch, sondern offenbar auch moralisch von seiner Umwelt abgeschottet hat.
Immer mehr Menschen scheinen zu glauben, die U-Bahn, die S-Bahn, der Bus oder die Tram seien ihr Wohnzimmer. Nur dass in diesem ÖPNV-Wohnzimmer noch Dutzende andere Leute sitzen, die weder Teil des Videotelefonats mit der besten Freundin sein noch den vollständigen Krankheitsverlauf von Onkel Mehmet oder den neuesten Seitensprung von Kommilitonin Paula kennenlernen möchten.
Besonders beliebt ist das Telefonieren über Lautsprecher. Das Smartphone wird wie ein Knäckebrot vor den Mund gehalten, während aus dem Gerät eine blecherne Stimme durch den gesamten Waggon krächzt. Noch dreister sind jene Menschen, die TikTok-Videos, Sprachnachrichten oder Musik über ihre Handylautsprecher abspielen – als müssten sie in der U8 einen spontanen Rave eröffnen.
Sonnenblumenkernschalen, leere Verpackungen und Essensreste: Nach manchen Fast-Food-Orgien gleichen öffentliche Verkehrsmittel einer Müllhalde.
© Michael Weber/imago
Auch Sitzplätze haben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Sie dienen als Fußablage, Kofferraum und persönlicher Sicherheitsabstand. Der Rucksack bekommt selbstverständlich einen eigenen Platz, selbst wenn daneben ein älterer Mensch stehen muss. Wer fragt, ob der Platz frei sei, wird angeschaut, als hätte er um die Herausgabe der Bankkarte samt PIN gebeten.
Ähnlich chaotisch geht es beim Ein- und Aussteigen zu. Eigentlich könnte das Prinzip kaum einfacher sein: Erst lassen wir die Menschen aussteigen, dann steigen wir selbst ein. Diese intellektuelle Höchstleistung scheint inzwischen allerdings viele zu überfordern. Sobald sich die Türen öffnen, stürmt eine Wand aus Fahrgästen in den Wagen, während die Aussteigenden verzweifelt versuchen, sich hindurchzuschieben.
Natürlich war der Berliner Nahverkehr noch nie ein Wellnesshotel auf Rädern. In einer Millionenstadt treffen Menschen aufeinander, die müde, gestresst oder schlicht in Eile sind. Niemand erwartet, dass sich die Fahrgäste beim Einsteigen mit einem Knicks begrüßen.
Es geht auch nicht um übertriebene Empfindlichkeit. Ein Baby darf schreien, Kinder dürfen laut sein, und wer nach einer langen Schicht erschöpft in seinen Burger beißt, begeht damit noch keinen Anschlag auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Entscheidend ist etwas anderes: Bemerke ich überhaupt noch, dass um mich herum andere Menschen existieren?
„Hauptsache, ich habe es bequem“Genau dieses Gefühl geht zunehmend verloren. Rücksicht wird offenbar immer häufiger mit Schwäche verwechselt und der öffentliche Raum mit einer Bühne zur maximalen Selbstentfaltung. Hauptsache, ich habe es bequem. Hauptsache, ich höre meine Musik. Hauptsache, meine Schuhe stehen nicht auf dem dreckigen Boden – sondern auf dem Sitz, auf den sich nach mir jemand anderes setzen soll.
Dabei würden schon ein paar erstaunlich einfache Dinge reichen: Kopfhörer benutzen. Füße vom Sitz nehmen. Andere aussteigen lassen. Den Rucksack herunternehmen. Älteren Menschen einen Platz anbieten. Und vielleicht sogar einmal „Entschuldigung“ sagen, wenn man jemanden anrempelt.
Wie weit Berlin davon entfernt ist, zeigt ein Blick nach Japan. Dort gilt Telefonieren in Bussen und Bahnen als ausgesprochen verpönt. Fahrgäste stellen ihre Handys lautlos und verzichten während der Fahrt auf Telefonate. Niemand verlangt, dass im Berliner ÖPNV künftig andächtige Stille herrscht. Aber etwas weniger Dauerbeschallung wäre ein Anfang.
Die Berliner Schnauze darf trotzdem gerne bleiben. Meinetwegen kann der Busfahrer weiterhin durch den Wagen brüllen, wir sollten „jefälligst nach hinten durchjehen“. Auch das kurze Motzen und ein ehrlich gemeintes „Mach ma hinne!“ gehören zu Berlin.
Doch die Berliner Schnauze ist keine Ausrede dafür, sich wie die letzte Sau zu benehmen. Direktheit ist nicht dasselbe wie Rücksichtslosigkeit. Wer das verwechselt, ist nicht besonders berlinerisch, sondern einfach nur schlecht erzogen.
Also: Nehmt eure Schuhe von den Sitzen, benutzt Kopfhörer und lasst die Leute erst aussteigen. Die U-Bahn gehört nicht euch allein. Und falls ihr das wirklich nicht versteht, sage ich es noch einmal in der Sprache dieser Stadt: Benehmt euch jefälligst!
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