Die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko schienen in letzter Zeit harmonisch. Doch ohne Komplizenschaft des Königreichs wäre der Ansturm von mehr als 50 000 Menschen kaum möglich gewesen.
Die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko schienen in letzter Zeit harmonisch. Doch ohne Komplizenschaft des Königreichs wäre der Ansturm von mehr als 50 000 Menschen kaum möglich gewesen.

Marcos Moreno / Getty
Eigentlich wirkten die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko in letzter Zeit harmonisch. Die beiden Länder kooperierten bei der Eindämmung der irregulären Migration so eng wie nie; Spanien ist längst Marokkos wichtigster Handelspartner; 2030 richten die beiden Länder gemeinsam die Fussball-WM aus.
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Doch dann durchbrachen am Donnerstag Tausende von Migranten, die meisten von ihnen Marokkaner, die Grenze zur spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta. Schwimmend, manche in Unterwäsche, viele voll bekleidet, mit Schwimmringen als Hilfe.
Mindestens 50 000 Migranten gelangten in Ceuta auf europäischen Boden. Die allermeisten wurden seither nach Marokko zurückgebracht. Für Spanien ist es trotzdem die grösste Migrationskrise seit 2021, als ein ähnlicher, aber kleinerer Sturm auf die Exklave stattfand.
Es ist auch eine potenzielle Krise für die spanisch-marokkanischen Beziehungen. Denn ohne Komplizenschaft Marokkos wäre ein solch massiver Bruch der Grenze nicht möglich gewesen.
Auf Social Media kündigte sich der Sturm anTatsächlich blieben die Sicherheitskräfte auf der marokkanischen Seite der Grenze am Donnerstag laut Augenzeugenberichten während Stunden passiv. Derweil stiegen Tausende Menschen ins Meer und schwammen um eine Mole Richtung spanischen Bodens. Erst am Abend setzten die marokkanischen Grenzschützer offenbar Wasserwerfer ein und drängten Migranten zurück.
Es ist unklar, ob die Sicherheitskräfte angesichts der Masse an ankommenden Menschen schlicht überfordert waren. Oder ob die Passivität gewollt war. Merkwürdig mutet auch an, dass die marokkanischen Kräfte ihre Präsenz offenbar nicht verstärkt hatten, obwohl schon in den Tagen zuvor viel mehr Migranten überzusetzen versuchten als sonst. Und auf Social Media in Marokko seit Wochen für einen Grenzsturm getrommelt wurde.

Abu Adem Muhammed / Getty
Es wäre nicht das erste Mal, dass Marokko den Grenzschutz instrumentalisiert, um eine Botschaft nach Madrid zu senden. 2021, als mehr als 5000 Migranten innerhalb von zwei Tagen nach Ceuta gelangten, hatte Marokko den Ansturm explizit provoziert. Grenzschützer griffen nicht ein, Migranten waren sogar in Bussen aus dem Landesinneren an die Mittelmeerküste gekarrt worden. Marokkos Regierung wollte damals Zugeständnisse von Spanien in der Westsahara-Frage erzielen. Marokko hält die ehemalige spanische Kolonie seit 1976 besetzt – Spanien unterstützte zu dem Zeitpunkt ein Selbstbestimmungsreferendum für das Territorium.
Aber diesmal schien sich nichts dergleichen anzubahnen. Spanien ist seit 2021 diplomatisch äusserst vorsichtig mit Marokko umgegangen – im Bewusstsein, dass das Königreich die Migrationsschleuse kontrolliert. 2022 akzeptierte Madrid einen marokkanischen Autonomieplan, der die Westsahara dauerhaft unter marokkanischer Kontrolle behält.
Die Grenze als WaffeVieles deutet denn auch darauf hin, dass der jetzige Ansturm weniger mit marokkanischen Sensibilitäten als mit einem Urteil des Obersten Spanischen Gerichtshofs von Ende Juni zu tun hat. Die Richter entschieden, dass Migranten, die schwimmend nach Ceuta gelangen, nicht gleich wieder nach Marokko zurückgebracht werden dürfen. Anders als Personen, die Zäune oder andere Barrieren überwinden – weil Schwimmen kein gewaltsamer Übertritt sei.
Das Urteil hat offenbar Migranten und ihre Schlepper beflügelt und zu einer Mobilisierung geführt, die am Donnerstag ihren dramatischen Höhepunkt erreichte.
Auch die Tatsache, dass Spaniens sozialistische Regierung im Januar ein Dekret verabschiedete, das Hunderttausenden von Migranten, die sich ohne Papiere im Land aufhalten, die Regularisierung erlaubt, könnte zum jetzigen Ansturm beigetragen haben.
Spaniens Kommentatoren sind sich jedoch einig, dass Marokko mitschuldig sein muss. «Die Grenze als Waffe», titelte die Zeitung «El Mundo» und schrieb: «Eine Bewegung in dieser Grössenordnung ist unvorstellbar ohne die Passivität Marokkos, dessen Sicherheitskräfte die Zone kontrollieren, wenn sie wollen.»
Tatsächlich hat Marokkos König Mohammed VI. ein Motiv. Mitte Juli besuchte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez Marokkos Nachbarland und Erzrivalen Algerien. Dieses befürwortet die Unabhängigkeit der Westsahara. Beim Besuch von Sánchez ging es vordergründig um Energiefragen – Algerien ist seit diesem Jahr Spaniens wichtigster Lieferant von Erdgas. Die Reise diente aber auch dazu, die Beziehungen zu verbessern, die in dem Moment Schaden genommen hatten, als Spanien 2022 Marokkos Autonomieplan für die Westsahara billigte. Ministerpräsident Sánchez verkündete nach dem Besuch in Algier eine «neue Etappe» der spanisch-algerischen Beziehungen.
In Spaniens Parlament kursiert zudem ein Gesetzesvorhaben, das Marokko ein Dorn im Auge ist. Das Gesetz sieht vor, dass Bewohner der Westsahara, die vor dem Abzug Spaniens 1976 geboren wurden, ein Anrecht auf die spanische Staatsbürgerschaft haben. Das Gesetz ist auch in Spanien umstritten, könnte aber nach der Sommerpause des Parlaments verabschiedet werden.
Es ist deshalb möglich, dass Marokkos Regierung durchaus eine Botschaft senden wollte, indem ihre Grenzschützer den Ansturm duldeten. Womöglich fiel die Botschaft lauter aus als beabsichtigt, weil eine Mobilisierung von mehr als 50 000 Menschen kaum vorhersehbar war.
Ein offener Streit zwischen Marokko und Spanien zeichnet sich trotzdem nicht ab – vor allem Spanien will weiteren Schaden verhindern. Beide Regierungen bemühten sich in den vergangenen Tagen um sorgfältige Wortwahl. Aus Madrid hiess es, Marokko kooperiere «auf loyale und dauerhafte Weise». Marokkos Regierung sagte, die Zusammenarbeit im Migrationsbereich sei beispielhaft und eine der fundamentalen Säulen der strategischen Allianz der beiden Länder.

Jesus Torres / Getty
Die Indizien werden immer mehr. Mittlerweile gehe ich eher davon aus, dass dieser Ansturm nicht vom marokkanischen Königshaus initiiert worden ist, sondern von etwas anderem, aus dem einfachen Grund, dass bei früheren ähnlichen Vorfällen die marokkanischen Medien dies an die große Glocke hängten und es national hochspielten. Dieses mal jedoch gibt es ein vielsagendes Schweigen; entweder die wissen es selber nicht, wie das stattfinden konnte in dem Ausmaß und untersuchen/stimmen sich mit Spanien ab oder wissen es, aber die Umstände zu benennen würde sie nicht gut darstellen. Von daher ist die Erklärung mit Westsahara/ Algerien nicht ausschließbar, aber auch nicht sehr plausibel für sich, wie man an der Reaktion erkennen kann. Dafür mehren sich auf Youtube und anderen sozialen Medien Hinweise darüber, wer was wann vorher verkündet hat und eben Cui bono? Wäre der Redaktion dankbar, wenn sie das recherchieren nicht uns alten Männern überlässt.
Nur mal angenommen, 100 der Kinder sind ertrunken als sie inmitten eines großen Pulk in einer Julinacht im Mittelmeer um die am Playa El Tarajal in Fnideq letztlich nur ca. 30m lange Mole herumgeschwommen sind, eine ziemlich einfache Übung, selbst für begleitete Nichtschwimmer, da hat dann doch jemand in Ceuta mit dem Wasserwerfer draufgehalten, das wäre ein verbotener Pushback und mindestens Totschlag. Die DDR-Mauerschützen haben 140 umgebracht.
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