Wenn man bei seiner ersten Wahl zum Fifa-Präsidenten vor zehn Jahren besser hingehört hätte, wären wir Gianni Infantino früher auf die Schliche gekommen. Kolumnist Pit Gottschalk gibt heute zu: Auch er ließ sich von dessen Versprechen einlullen.
Wenn man bei seiner ersten Wahl zum Fifa-Präsidenten vor zehn Jahren besser hingehört hätte, wären wir Gianni Infantino früher auf die Schliche gekommen. Kolumnist Pit Gottschalk gibt heute zu: Auch er ließ sich von dessen Versprechen einlullen.
Als Gianni Infantino Ende Februar 2016 zum Fifa-Präsidenten gewählt wurde, saß ich in Zürich auf der Pressetribüne und atmete durch. Endlich ein Funktionär, der's ehrlich mit unserem Fußball meint – dachte ich damals.
Infantino war ein Versprechen auf eine bessere Zukunft im Weltfußball, ein echter Generationswechsel: mit 45 fast halb so alt wie Vorgänger Sepp Blatter (heute 90), Erfahrung als Uefa-Generalsekretär, ein Leuchten in den Augen.
Vor allem: Er verhinderte, dass Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa als Favorit an die Macht kam. Ein Fifa-Chef aus Bahrain, einem Land, das nun rein gar nichts mit Fußball zu tun hat – schon der Gedanke erschien mir absurd.
Heute weiß ich: Wie ich auf Infantino reinfiel, darf nicht nochmal passieren. Seine Wahl war von Anfang an eine Inszenierung, damit Sportjournalisten wie ich an der Nase herumgeführt werden. Ich spürte es irgendwann in Berlin.
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Eine Fifa-Delegation hatte mich Wochen nach der Infantino-Wahl zu einem Hinterzimmergespräch ins Soho House eingeladen. Das Thema der bunten Präsentation: die Reformen unter dem neuen Fifa-Präsidenten.
Die Kernbotschaft klang ja auch zu schön: Ein Generalsekretär sollte die Geschäfte führen, der Präsident im Weltverband allein die Aufsicht haben. Das war ein Bruch zum Blatter-Regime vorher: Die Fifa wollte mehr Demokratie wagen.
Damals sickerte durch, dass eine Frau diesen CEO-Posten übernehmen sollte, ein unbeschriebenes Blatt. Dass ich mich heute ohne Nachschlagen nicht an ihren Namen erinnere, entlarvt leider meine Naivität in der Sache.
Dabei beschlich mich bereits beim Geheimtreffen in Berlin ein mulmiges Gefühl. Wer so viel Wert auf Erklärungen für etwas Selbstverständliches legt, verriet mein siebter Sinn, der will ablenken. Ich ignorierte meine innere Stimme.
Der Fifa-Kongress hatte ja einen umfangreichen Maßnahmenkatalog beschlossen. Council statt Exekutivkomitee, Amtszeitbegrenzungen, Offenlegung der Gehälter, unabhängige Prüfberichte - ich gebe zu: Das klang wirklich toll.
Nicht zu vergessen: Am Morgen nach seiner Wahl traf sich Gianni Infantino mit Fußballstars zum Schaukicken in Zürich. Die Bilder gingen um die Welt: ein Fifa-Präsident zum Anfassen, einer mit Liebe zum Fußball, kein Halunke.
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Blatter hatte eine Art Günstlingswirtschaft in aller Welt zugelassen, ein Netzwerk aus Korruption und Gefälligkeiten. Infantino klang nach Aufbruch. Dabei hätte ich nur das Kleingedruckte in seinem Wahlkampf lesen müssen.
Er hatte in aller Öffentlichkeit versprochen: mehr Geld aus WM-Erlösen für die Verbände, Aufstockung der WM auf 40 Teams, Turniere mit mehreren Gastgebern – wir hatten seine Ankündigungen nur nicht ernstgenommen.
Ich auch nicht. Ich hörte lieber auf seine Dankesrede, als er mit viel Pathos sagte: „Wir werden das Ansehen der Fifa wiederherstellen und den Respekt vor der Fifa. Und alle in der Welt werden uns applaudieren.“
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Heute liegt der Weltverband in Trümmern, zehn Jahre Infantino haben einen Multikulti-Verbund zu einer One-Man-Show geschrumpft, die Milliarden scheffelt und nur einem dient: Gianni Infantino selbst und nicht dem Fußball.
Immer wieder haben wir „Stopp!“ gerufen, als das WM-Turnier aufgebläht wurde, Konstruktionen wie die Klub-Weltmeisterschaft entstanden, Donald Trump den Friedenspreis empfing, Platzverweise annulliert wurden. Und nichts getan.
Doch da war es fast zu spät. Wir hätten Infantino durchschauen müssen, bevor die Dinge ihren Lauf nahmen. Die Parallele zur Politik ist unübersehbar: Wehret den Anfängen! Ja, ich bin auf Infantino reingefallen.