Muttermilch ist das Beste fürs Kind. Ein Satz, den jede junge Mutter tausendfach hört. Ein Satz, der aber auch Druck auslöst und laut einer Stillberaterin am Klinikum Saarbrücken sogar übergriffig sein kann. Warum das Thema Stillen so aufgeheizt diskutiert wird.
Saarbrücken · Muttermilch ist das Beste fürs Kind. Ein Satz, den jede junge Mutter tausendfach hört. Ein Satz, der aber auch Druck auslöst und laut einer Stillberaterin am Klinikum Saarbrücken sogar übergriffig sein kann. Warum das Thema Stillen so aufgeheizt diskutiert wird.
Vor einigen Wochen hat eine stillende Mutter in der Europagalerie eine Welle der Empörung ausgelöst. Eine Saarbrücker Hebamme erreichen seitdem viele Nachrichten - wohlwollende wie feindselige. Stillen scheint selbstverständlich – für viele Mütter ist es das nicht.
Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbi/Monika SkolimowskaEine Mutter will Ende Mai ihr sechs Monate altes Baby in der Europa-Galerie in Saarbrücken stillen. Ein Security-Mitarbeiter drängt sie, aufzuhören. Der Vorfall löst Empörung aus; wenige Tage später stillen Dutzende Mütter aus Protest an selber Stelle. Hebamme Astrid Kany, die die Aktion initiiert hat, bekommt bis heute Nachrichten – wohlwollende, aber auch solche, die fassungslos machen.
Das Thema sei hochemotional, sagt Kany. Junge Mütter kämpften mit Hormonchaos, Schlafmangel und der Angst, etwas falsch zu machen. Gleichzeitig werde der gesellschaftliche Druck größer. „Es wird immer schwerer, Mama zu sein“, meint die Hebamme, die seit 25 Jahren Familien betreut.
Den Druck von außen erleben Kany und Luksic täglich: aus der Familie, dem Freundeskreis und zunehmend auch aus den sozialen Medien. Kany beobachtet, dass soziale Netzwerke und künstliche Intelligenz die Verbreitung von Fehlinformationen verstärken. Doch, „desto weniger Gedanken sich Frauen ums Stillen machen, umso besser funktioniert es“, sagt Kany.
Stillende Mütter protestieren nach Vorfall in der Saarbrücker Europagalerie
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Einen Satz höre die Stillberaterin immer wieder: „Ich möchte eigentlich nicht stillen. Ich mache das nur, weil es fürs Kind gut ist.“ Darin zeigt sich der Konflikt zwischen dem eigenen Wunsch und dem Anspruch, eine gute Mutter müsse stillen. Manche Frauen können nicht stillen, obwohl sie es wollen – etwa wegen bestimmter Medikamente, einer Erkrankung oder zu wenig Milchdrüsengewebe. Andere entscheiden sich bewusst dagegen, die Gründe seien oft persönlich und gingen Außenstehende nichts an. Auch sexualisierte Gewalt könne eine Rolle spielen, sagt Luksic. Sie bohre nicht nach, wenn eine Frau sagt: „Ich will nicht.“
Besonders schwer sei es, wenn sich erst nach der Geburt herausstelle, dass Stillen nicht möglich ist. „Die sind dann oft wirklich traurig und enttäuscht“, sagt Luksic. Doch Liebe und Bindung entstünden auch ohne Stillen. Kany sagt zu den Müttern dann: „Mir ist lieber, dass du mit Liebe die Flasche gibst, als mit Verbissenheit die Brust.“
Hebamme Astrid Kany umringt von einheimischen Kindern im afrikanischen Namitete: Ihre Einsätze als Hebamme im Ausland haben ihr gezeigt, wie selbstverständlich junge Mütter außerhalb von Deutschland unterstützt werden.
Foto: Astrid KanyDoch Stillen findet selten ohne Einmischung statt. Andere Mütter, Partner, Großeltern und manchmal auch Fachleute haben Vorstellungen davon, was für ein Kind richtig sei.
Katharina Luksic ist eine der zwälf ausgebildeten Stillberaterinnen am Klinikum Saarbrücken.
Foto: Antonia TrinkausDie Hebamme berichtet von einer Mutter aus ihrem Rückbildungskurs, die aus medizinischen Gründen nicht stillen durfte und sich dafür nicht ständig rechtfertigen wollte. Eine andere Mutter sei auf einem privaten Fest von einer fremden Stillberaterin wegen der Flasche bedrängt worden. „Das ist wirklich übergriffig“, sagt Kany.
In ihrem Hebammenalltag geht sie damit so um: „Wenn eine Familie nach der Aufklärung immer noch dieselbe Entscheidung getroffen hat, kann ich das gut akzeptieren.“ Kany ist selbstständige Hebamme in Saarbrücken und Dozentin für angewandte Hebammenwissenschaft an der HTW Saar sowie an weiteren Hochschulen. Für sie gehört deshalb die ganze Familie zur Betreuung dazu: „Ich betreue nicht eine Frau, ich begleite eine Familie.“ Partnerinnen und Partner sollten die frisch entbundene Frau vor zusätzlichem Druck und ungefragten Ratschlägen „beschützen“. Beide Seiten sind irgendeiner Kritik ausgesetzt. Es wäre viel einfacher, wenn sich gerade auch Frauen gegenseitig nicht so verurteilen“, sagt Luksic.
Kany denkt bei der Frage nach Unterstützung an ihre Erfahrungen in Afrika und auf den Philippinen. Dort habe sie erlebt, wie andere stillende Frauen ein Baby mitversorgten, wenn die Mutter nach einer anstrengenden Nacht Ruhe brauchte. Niemand frage, ob die Mutter ihr Baby abgebe, weil sie es nicht hinbekomme. „Dort gibt es lebende, laufende Milchbanken“, sagt sie – Pre-Nahrung und sauberes Wasser für die Zubereitung gebe es dort häufig nicht. Diese Selbstverständlichkeit fehle hier. „Wir haben in unserer Gesellschaft so wenig Personal für ein Baby“, sagt Kany. „Es braucht eben ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“
Auch der Umgang mit Stillen in der Öffentlichkeit wird zum Gradmesser dafür, wie selbstverständlich junge Familien ihren Alltag leben können. „Es geht ja kein Erwachsener zum Essen auf die Toilette. Warum soll der Säugling das tun?“, sagt Luksic. Die Reaktionen auf den Vorfall in der Europa-Galerie zeigen, wie aufgeladen das Thema ist. Die schlimmsten Kommentare nach dem Still-Protest, berichtet Kany, seien von Frauen gekommen. (oli)
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