Im Moderne-Museum Gunzenhauser geht es ums Babyfüttern in der Öffentlichkeit: „Ich still, wo ich will“ setzt ein sattes Zeichen.
Kürzlich noch machte das Chemnitzer Museum Gunzenhauser Besuchern mit der die Freuden des Essens feiernden Schau „Mahlzeit“ auf populärere Weise Appetit auf Kunst. Jetzt gibt das Kunsthaus die Fortsetzung mit einer unerwarteten Aktion, die sich sofort zu einer Pionierleistung auswächst und andere Museen ermutigen will: „Ich still, wo ich will“.
In der Schau „Serving Gender“, die Geschlechterrollen, Fürsorge und soziale Rollen beim Zubereiten von Nahrung in der Kunstgeschichte verknüpft (wo Frauen zwar kochend, aber nie essend dargestellt sind), starteten die Ausstellungsmacherinnen eine mutige Aktion: Es geht ums Stillen, um kostbare, nahrhafte Muttermilch. Und um Akzeptanz stillender Mütter im öffentlichen Raum.
Stillt eine Frau öffentlich, wird sich puritanisch empörtOb im Café, auf der Parkbank, in der Bahn, im Bus und im Einkaufszentrum: Stillende Mütter sorgen noch immer für Irritationen. Es gibt böse Blicke, gar aggressive Kommentare und Beschimpfungen, sobald sie im öffentlichen Raum ihr Baby nähren und etwas vom Nippel zu sehen ist. Aber wie paradox, ja heuchlerisch: Werbung, Film, Unterhaltungsindustrie offerieren ja bis zum Überdruss weibliche Brüste! Wenn eine Frau aber öffentlich stillt, wird sich puritanisch empört. Dann ist das eine Provokation, wird die Intimsphäre beschworen. Ganz schlimm ist es in den USA. Ich selbst erlebte in einer Mall in Jackson/Mississippi, wie die Polizei eine stillende Frau des Ortes verwies. Es war meine Freundin, wir gingen dort nie wieder hin.
Das Schönste und Selbstverständlichste von der Welt, auf einem Sitz im Museum Gunzenhauser
© Anika Krickl
Museumschefin Anja Richter will Akzeptanz: Die Kampagne „Ich still, wo ich will“ setzt sich dafür ein, dass Frauen selbst entscheiden, wann und wo sie ihr Kind stillen. Auch im Museum. Und das wurde und wird fotografiert, etwa von der Fotografin Anika Krickl, selbst Mutter von drei Kindern. Innerhalb weniger Tage kamen auf Social Media Hunderte Mails von Müttern, die mitmachen wollen. Frauen, die es satt haben, sich beim Stillen schamhaft zu verstecken.
Vor altmeisterlichen und modernen Gemälden und Skulpturen lässt die Fotografin junge Mütter beim Stillen ihrer Kinder posieren. Man sieht es den Porträtierten an: Sie empfinden das Museum dafür als einen guten Ort, still und diskret. Da sind Bänke vor der Kunst. Keiner behelligt sie. Draußen im Stadtraum sind Sitzmöglichkeiten rar.
Und die wohl prominenteste Vertreterin des Motivs im Museum ist die biblische Maria, unzählige Male seit der Renaissance und dem Barock gemalt als Mutter Gottes mit Jesuskind – und ohne Prüderie mit entblößter Brust. Die Aktion „Ich still, wo ich will“ will nicht provozieren, sondern die Mütter bestärken. Stillen ist das Natürlichste der Welt. Auch im Museum.
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