Warum die Schere zwischen arm und reich auch im nationalen Fußball immer weiter auseinandergeht und wie eng Kapital und Erfolg verzahnt sind, erklärt der frühere DFB-Manager Oliver Bierhoff im Sportschau-Interview.
Interview
Stand: 16.04.2026 • 14:49 Uhr
Oliver Bierhoff (57) war Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er führte in dieser Zeit hitzige Debatten darüber, wie viel Kommerzialisierung der Fußball verträgt. Heute ist Bierhoff Berater bei den New England Patriots, einem Klub der US-amerikanischen Football-Liga (NFL). Im Sportschau-Interview spricht er über die Rolle von Investoren im Fußball und darüber, ob die Bundesliga mit ihren Regularien noch konkurrenzfähig sein kann.
Sportschau: Herr Bierhoff, ist Geld heute der wichtigste Faktor im Fußball?
Bierhoff: Geld gepaart mit Kompetenz. Durch fehlende Kompetenz kann man natürlich auch viel Geld verbrennen. Das sieht man an Beispielen wie Manchester United und dem FC Chelsea, bei denen Geld ausgegeben wurde, um blind zu kaufen. Das allein reicht nicht. Man kann auch mit weniger Geld sehr gute Arbeit machen, so wie zum Beispiel Eintracht Frankfurt oder der SC Freiburg.
Sportschau: Können Fußballvereine noch erfolgreich sein, also Titel gewinnen und weit im Europapokal kommen, ohne entsprechende finanzielle Mittel?
Bierhoff: Das ist mittlerweile sehr schwer. Im europäischen Fußball, aber auch im nationalen Fußball, geht die Schere immer mehr auseinander. Man sieht eine klare Relation zwischen den Kaderwerten beziehungsweise Ausgaben und den Punkten, die während der Saison erzielt werden. Ich würde behaupten, um auf lange Sicht einen gewissen Erfolg zu haben, musst du einfach Geld haben.
Sportschau: Dass die Schere immer weiter auseinandergeht, hört man schon ziemlich lange. Gibt es Knackpunkte, die Sie sehen?
Bierhoff: Ich finde es amüsant, weil der amerikanische Sport in Europa als sehr kommerziell bezeichnet wird – was er natürlich auch ist. Man sagt hier aber, es ist kein fairer, kein richtiger Sport, es gibt ja nur geschlossene Ligen.
Aber die NFL zum Beispiel schafft es, dass diese Schere zwischen den Klubs nicht auseinandergeht, weil sie schlicht einen fairen und interessanten Wettbewerb haben wollen. Das haben wir im europäischen Fußball nicht geschafft, weil es zu viele Spiele auf dem Markt gibt.
“Gehälter sind wie Immobilien in Kitzbühel”Sportschau: Wie sehen Sie die Entwicklung der Transferbudgets in den letzten 15 Jahren?
Bierhoff: Mit den Transfers und auch den Gehältern der Spieler ist das wie mit Immobilien in Kitzbühel oder in München. Man denkt, irgendwann ist die Fahnenstange erreicht. Doch dann wird wieder etwas draufgesetzt und noch mehr verlangt. Das Geld ist da.
Es kommt meistens aus Märkten, die viel Kapital haben - ob man jetzt England oder vielleicht auch Saudi-Arabien nimmt. Das überträgt sich auf alle anderen Vereine und Transfers. Ein Spieler, der eigentlich zehn Millionen wert ist, ist aufgrund der ganzen Wertsteigerung auf einmal 20 Millionen wert.
Sportschau: In Deutschland können durch die 50+1-Regelung Investoren keine Mehrheit bei Vereinen übernehmen. Ist diese Regelung noch zeitgemäß?
Bierhoff: Ich glaube, auf internationalem Top-Niveau wird es schwer, ohne Investoren auszukommen. Investoren können schnellere und mutigere Entscheidungen treffen. Sie können eine klare Strategie verfolgen, was in anderen Konstellationen ein schwieriger Prozess ist. Häufig ist es aber so, dass die Leute, die das Geld geben, erfolgreiche Unternehmer waren und von sich denken, alles richtig machen zu können. Auch das gilt es zu beachten.
“Wenn Deutschland den Markt aufmachen würde, wird es einen Run auf die Vereine geben”Sportschau: Was passiert, wenn sich die Bundesliga nicht für Investoren öffnet?
Bierhoff: Ganz einfach: Das Kapital wird woanders hinfließen. Ich habe mit vielen Investoren gesprochen – wenn Deutschland den Markt irgendwann aufmachen würde, dann wird es einen Run auf die Vereine geben. Und zwar nicht nur auf die erste Liga, sondern runter bis in die dritte Liga, wo ja auch viele Traditionsvereine sind. Der Sport ist durch sein Live-Erlebnis und die Reichweite einfach ein interessantes Investitionsthema.
Sportschau: In Deutschland gibt es starken Protest gegen Investoren. Ist der deutsche Fußballfan zu romantisch?
Bierhoff: Zumindest wenn er über diese Themen diskutiert, faktisch sieht es anders aus. Ich habe auch bei der Nationalmannschaft diese Kommerzdiskussion gehabt. Ich habe gesagt, der kommerziellste Verein ist Bayern München. Sie bekommen so viele Werbeeinnahmen, haben so viele Sponsoren, bekommen Gelder von der FIFA, der UEFA.
Aber sie haben auch die meisten Fans, das Stadion ist immer voll. Und selbst Fans von Union Berlin stehen bei der Champions League ganz stolz vorm Stadion. Und das ist der kommerziellste Wettbewerb in Europa. Ich glaube, Tradition ist ein rein emotionales Argument und wird gerne genommen, um gewisse Dinge zu verhindern.
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