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"Die Lage unserer Bäder ist desaströs"

Дата публикации: 28-05-2026 09:49:30

Viele deutsche Schwimmbäder sind marode, viele müssen geschlossen werden. Die Bäderallianz startet deshalb die bundesweite Plakataktion: "Retten wir die Bäder!" - auch, um die Politik unter Druck zu setzen.

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Schild mit der Aufschrift "Gesperrt" vor einem leeren Schwimmbecken
Marode Schwimmbäder "Die Lage unserer Bäder ist desaströs"

Stand: 28.05.2026 • 11:49 Uhr

Viele deutsche Schwimmbäder sind marode, viele müssen geschlossen werden. Die Bäderallianz startet deshalb die bundesweite Plakataktion: "Retten wir die Bäder!" - auch, um die Politik unter Druck zu setzen.

Die Fakten zum vergangenen Pfingst-Wochenende: Fast 30 Grad, volle Freibäder, volle Seen. Aber auch: Sechs Bade-Tote, darunter vier Kinder. Und eine Kampagne zur rechten Zeit: Zwölf emotionale Motive, in 90 deutschen Städten plakatiert. Eine Aktion der Bäderallianz - einem Verbund von 16 führenden Verbänden aus Sport, Gesundheit, Rettung und Bäderbetrieb mit insgesamt rund einer Million Mitglieder.

"Es geht darum, den Druck auf die Politik zu erhöhen"

"Retten wir die Bäder!" soll auf den Mehrwert der Bäder hinweisen, als Begegnungsstätten und Orte, wo Schwimmen erlernt und Lebensretter ausgebildet werden. "Es geht aber auch darum, den Druck auf die Politik deutlich zu erhöhen", sagt Christian Kuhn, Vorsitzender der Bäderallianz.

Er vergleicht die mit Hilfe von Sponsoren ermöglichte Aktion im Gespräch mit der Sportschau mit den Bauernprotesten vor einigen Jahren, als Mist vor den Parlamenten ausgekippt wurde. An den Plakaten solle kein Volksvertreter ohne schlechtes Gewissen vorbeifahren: "Die Lage unserer Bäder ist desaströs. Es muss dringend mehr passieren, um sie zu erhalten."

Christian Kuhn, Vorsitzender der Bäderallianz

Aktuell gibt es noch rund 9.400 Bäder in Deutschland, vom offenen Schwimmbad bis zum Hallenbad, Lehrschwimmbecken oder Bädern in Krankenhäusern, Altenheimen und Fitnessstudios. Doch jedes zweite Bad ist aktuell marode. Teilweise seit über 60 Jahren in Betrieb und meist nur notdürftig saniert, führt der Sanierungsstau vermehrt zu Schließungen - immer weniger Wasserflächen.

Die DLRG hat schon 2018 in einer Kampagne darauf hingewiesen, dass in Deutschland statistisch gesehen alle vier Tage ein Schwimmbad schließt - und nie wieder aufmacht. Allein in NRW verschwanden binnen 25 Jahren fast die Hälfte der 1.400 Hallen-, Frei und Kombibäder von der Landkarte.

Sanierungsbedarf zwischen zehn und 20 Milliarden Euro

Der Sanierungsbedarf liege irgendwo zwischen zehn und 20 Milliarden, vermutet die Bäderallianz. Und damit längst jenseits jener 4,5 Milliarden Euro, die noch 2018 genannt wurden als Teil der 31 Milliarden, die der Deutsche Olympische Sportbund damals an Sanierungsstau bei Sportstätten errechnet hat. Auch der DOSB räumt gegenüber der Sportschau jetzt ein, dass diese Zahl nicht mehr realistisch sei. "Die Baukosten sind seitdem durch die Decke gegangen", so Michaela Röhrbein, DOSB-Direktorin für Sportentwicklung.

Das von der Bundesregierung aufgesetzte erste Sanierungsprogramm Kommunale Sportstätten (SKS) mit einem Volumen von 333 Millionen Euro war 21-fach überzeichnet. Nur sechs Prozent der Summe blieben für Bäder übrig. Symbolpolitik nennt Christian Kuhn das. Und auch das im Wirtschaftsplan 2026 der Bundesregierung noch ausgewiesene Förderprogramm alleine für Schwimmbäder (250 Millionen Euro) sei "lediglich ein Tropfen ins leere Becken."

Die Bäderallianz fordert daher eine Milliarde Euro Fördermittel vom Bund für die Bäder - pro Jahr in den kommenden zwölf Jahren. Plus mehr Initiative der Länder. "Bisher hatte ich den Eindruck, dass es den Politikern nur darum ging, öffentlichkeitswirksam ein paar rote Bänder zu durchschneiden, wenn mal was neu gebaut oder saniert wurde", so Kuhn: "Die Politik ist gefordert, weitere Pakete zu schnüren. Unsere Bäder haben einen großen Mehrwert für die Bevölkerung und dazu bedarf es eines Kraftaktes auf allen Ebenen: Bund, Länder und Kommunen."

Kommunen können sich Bäder nicht mehr leisten

6.500 Bäder befinden sich in öffentlicher Hand. Doch viele Kommunen können sich vor allem ihre Hallenbäder schlichtweg nicht mehr leisten. Etwa in Neuenburg in Südbaden. Dort muss das über 50 Jahre alte örtliche Hallenbad dringend saniert werden. Doch dafür fehlt das Geld. Kürzlich wurden die Schließungspläne im Gemeinderat verhandelt. "Das hat natürlich schon für einen großen Aufschrei gesorgt, was ich absolut verstehen kann, weil das Bad eine sehr wichtige Einrichtung ist", sagt Bürgermeister Jens Fondy-Langela.

6.000 Menschen haben eine Petition unterschrieben, das Bad zu retten. Denn wenn dieses Hallenbad schließt, wird auch für die örtlichen Schulen der Schwimmunterricht zur Tortur: Die nächsten Bäder sind 25 Kilometer entfernt, schon jetzt nutzen zehn Schulen aus Nachbarkommunen das Neuenburger Bad mit. Die Stadt, sagt Fondy-Langela der Sportschau, sei "nicht arm". 2022 habe man es in einem Kraftakt geschafft, das Freibad zu sanieren, aber der Rückgang der Gewerbesteuer-Einnahmen treffe die Kommune hart.

Zu viele Aufgaben, zu wenig Geld. Das jährliche Defizit zwischen Einnahmen und Ausgaben im Stadtsäckel summiere sich auf rund zehn Millionen Euro. Da sei das Hallenbad mit rund 400.000 Euro ungedeckten Betriebskosten jährlich ein großer Posten. "Wir müssen aktuell bei dem Betrieb des Hallenbads auf Sicht fahren", betont der Bürgermeister. Er suche händeringend nach Fördermitteln, auch nach ehrenamtlichen Lösungen beim künftigen Betreiben des Bades.

Vielerorts springen mittlerweile Schwimmvereine ein, bevor Bäder dichtgemacht werden - ob das auch hier klappt? Generell seien die Aussichten für das Hallenbad über die kommende, noch gesicherte Winter-Badesaison hinaus nicht gut, sagt Fondy-Langela. Deshalb drohe die Schließung bereits 2027. Zumal auch eine der drei städtischen Sporthallen aus den Sechzigerjahren dringend saniert werden muss. Man schaffe halt nicht alles.

Neuenburg hatte sich um eine Förderung im Rahmen des Sanierungsprogramm Kommunale Sportstätten beworben - ohne Erfolg. Nun will man sich um eine Finanzspritze aus dem 250-Millionen-Programm für Bäder bemühen, wenngleich dort die Förder-Obergrenze bei acht Millionen liegt. Das würde jedoch nicht ausreichen.

Es fehlt an Personal

Bisweilen schließen Bäder oder sind nur noch eingeschränkt geöffnet, weil es kein Personal mehr gibt. Rund 3.000 Fachangestellte für Bäderbetriebe habe man verloren, sagt Christian Kuhn von der Bäderallianz. Der Präsident des Bundesverbandes der Schwimmmeister, Peter Harzheim, sagt der Sportschau, es habe sich lediglich in Sachen Bezahlung einiges verbessert. Durch die Personalknappheit könnten viele Schwimmmeister höher pokern, das Einstiegsgehalt sei deshalb in den vergangenen Jahren auf rund 3.200 Euro gestiegen. Aber der Beruf sei nach wie vor noch nicht attraktiv genug.

Gründe, neben den Arbeitszeiten und zu geringem Ansehen in der Bevölkerung: Die Arbeit in kaputten Bädern verbreite wenig Freude, so Harzheim: "Wir haben eine leicht steigende Tendenz bei Ausbildungen - aber es hören auch immer mehr auf." Darauf reagieren immer mehr Badbetreiber: Mit Saisonkräften, Freiwilligen und Ehrenamtlichen, der Gründung von Fördervereinen - aber eben auch: eingeschränkten Besuchszeiten und Restriktionen: Nur noch Kinder, die mindestens das Bronzeabzeichen vorwiesen können, dürfen ins Bad.

Immer weniger Kinder lernen schwimmen

Dieses Abzeichen für Schwimmfähigkeit sollten Kinder am Ende der vierten Klasse besitzen - eigentlich. Doch die Realität ist: Rund 60 Prozent aller Kinder unter zehn Jahren sind laut DLRG keine sicheren Schwimmer und befinden sich im Wasser in akuter Lebensgefahr.

Immer weniger Kinder lernen in der Schule das Schwimmen. Es fehlt - auch wegen der maroden Bäder - an Wasserzeit. Viele private oder von Vereinen organisierte Kurse sind oft schnell überbucht. Deutschland wird zum Land der Nichtschwimmer. "Kinder, die schwimmen lernen müssen, stehen teilweise drei Jahre auf einer Warteliste. Das zeigt die Dramatik", sagt DOSB-Direktorin Michaela Röhrbein.

Alles hänge miteinander zusammen, betont Ute Vogt. "Wir kommen bei der nötigen Modernisierung unserer Schwimmbadlandschaft und deren konsequenter Ausrichtung an die tatsächlichen Bedarfe bislang kaum voran", beklagt die DLRG-Präsidentin. In einer Online-Petition wurden von der DLRG bereits vor acht Jahren 130.00 Unterschriften gesammelt, um die Politik zum Handeln zu bringen. Aber das geforderte "planvolle und gemeinsame Vorgehen von Bund, Ländern und Kommunen" sei weiter nicht in Sicht.

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