Politisch motivierte Straftaten unter Kindern und Jugendlichen steigen stark an. Jetzt legen gleich vier Ministerien einen Plan vor.
Hakenkreuz-Schmierereien, die Zahl 88, ACAB-Spray-Züge, F*** Israel – Sachsens Schulen werden immer mehr zum Tatort für politisch motivierte Straftaten. 2025 registrierte die Polizei 335 Fälle – mehr als dreimal so viele wie noch 2021. Deswegen ziehen die Ministerinnen für Justiz und Soziales sowie der Innen- und Kultusminister an einem Strang und legten am Dienstag ein 15-Punkte-Papier zur Extremismusbekämpfung an Sachsens Schulen vor.
„Das Klassenzimmer ist ein geschützter Raum – wie die eigenen vier Wände und unterliegt deutschlandweit einem besonderen Schutz“, erklärt Sachsens Justizministerin Constanze Geiert (CDU) auf OAZ-Nachfrage. Schmierereien auf dem Schul-Klo oder auch in den Gängen hingegen werden als öffentlicher Raum betrachtet.
Auslöser des Aktionsplans war die Bundesratsinitiative Thüringen, das Klassenzimmer nicht mehr als strafrechtlich geschützten Raum aufrechtzuerhalten und Vergehen dort entsprechend zu ahnden. „Wir gehen diesen Weg nicht mit“, so Innenminister Schuster.
Bisher können rechte oder auch linke verbotene Symbole dort ungestraft in Stühle geritzt oder auf Bänke und Wände geschmiert werden.
Bei dieser Regelung will Sachsen jedoch bleiben, doch mit einem neuen Extremismus-Konzept den aufkeimenden politischen Rändern bei Kindern und Jugendlichen schon früh vorbeugen. Denn die Zahlen sind alarmierend. 2014 habe es an den Schulen im Freistaat 55 sogenannte besondere Vorkommnisse gegeben, im Jahr 2024 seien es schon 1.644 gewesen, so Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU). Darunter fallen nicht nur extremistische Äußerungen und Amoklauf-Drohungen, sondern auch, wenn beispielsweise ein Schüler einen Unfall auf dem Weg zur Schule hatte.
2019 habe man noch 91 rechtsextreme Vorfälle mit unter Achtzehnjährigen gezählt, letztes Jahr schon 245. In der polizeilichen Kriminalstatistik waren für 2021 exakt 100 politisch motivierte Straftaten mit dem Tatort Schule vermerkt, 2025 waren es bereits 335 Straftaten.
Die Vorfälle ereigneten sich „überwiegend gewaltfrei“, so Schuster. Doch es sei kein Problem von Brennpunktschulen: „Es geht durch alle Schularten und auch durch Stadt und Land. Da ist kein Muster zu erkennen“, so der Innenminister weiter.
Klassenräume gelten als geschützter Bereich. Schmierereien verbotener Symbole dürfen dort nicht strafrechtlich geahndet werden.
© Jens Kalaene/dpa
Gleich vier Ministerien in Sachsen – Kultus, Justiz, Inneres und Soziales – ziehen an einem Strang. Ein 15-Punkte-Plan soll rechtem und linkem Gedankengut vorbeugen, aber auch Lehrkräften mehr Beratungsangebote schaffen. So soll die Fortbildung der Lehrkräfte verstärkt werden. Schulen können für ihre Schutzkonzepte Beratung erhalten und das Fach Gemeinschaftskunde soll in Zukunft Pflicht ab Klasse 10 sein. Bisher kann man es in Sachsen zwischen Geografie und Geschichte auch abwählen.
Auch Medienkompetenz und Demokratiebildung sollen verbindlich mit einer zusätzlichen Wochenstunde ab 2028 fächerübergreifend in den Stundenplan aufgenommen werden. „Ziel ist es, Kinder und Jugendliche präventiv zu schützen und widerstandsfähig gegen Extremismus und Radikalisierung zu machen“, so Sachsens Kultusminister Conrad Clemens.
Früher konnte das Kultusministerium die Zusatzstunde ab der ersten Klasse wegen des Lehrermangels nicht absichern. In zwei Jahren gehen dann aber die Geburtenjahrgänge zurück, es gäbe dann wieder genügend Lehrer, so Clemens.
Lehrerinnen und Lehrer können sich mit entsprechenden Problemfällen nun auch direkt beratend an Staatsanwaltschaften wenden und auch dem Polizeilichen Terrorabwehrzentrum in Sachsen Verdachtsfälle zumailen und um entsprechende Einordnung bitten.
Es ginge nicht darum, Kinder und Jugendliche anzuschwärzen. „Wir ändern die Situation nicht, indem wir Gesetze ändern. Sondern die Lehrer sollen sich nicht mit dem Problem alleingelassen fühlen“, so Sachsens Justizministerin Constanze Geiert.
Kultusminister Clemens . Justizministerin Geiert (CDU) und Innenminister Schuster (alle CDU) präsentieren ihren Aktionsplan gegen Extremismus an Sachsens Schulen.
© Robert Michael/dpa
Geiert, selbst Mutter, berichtet von unterschiedlichsten Angeboten, die bisher mehr von der Eigeninitiative der Lehrkräfte abhängen: „In Dresden gehen Staatsanwälte regelmäßig in umliegende Schulen, weil es da private Kontakte gibt, und erklären das Rechtssystem. In Chemnitz, wo sich das Gerichtsgebäude direkt neben einer Schule befindet, ist das wiederum kaum der Fall.“
Dennoch wolle sie den Jüngsten nicht mit dem Gesetz drohen, sondern das Thema „pädagogisch einbinden“. So berichtete sie von einer Art Gerichtsprozess in einem Chemnitzer Klassenzimmer, wo es einen Vorfall mit extremistischen Schmierereien gab. „Dann haben die Kinder das Gericht gebildet. Ein Staatsanwalt war im Raum, hat erklärt. Aber die Kinder haben die Tat beurteilt und sich auch die Strafe für den Mitschüler ausgedacht“, so Geiert.
Im Zweifel könne ein Staatsanwalt auch schon mal mit dem betroffenen Schüler sprechen, „um zu zeigen, dass der Staat schon da ist und pädagogisch einwirken kann“, so Geiert. An der Strafmündigkeit der unter Vierzehnjährigen ändert das nichts.
„Mit dem Aktionsplan bündeln wir die Kräfte aller zuständigen Stellen und verbessern die Vernetzung zwischen Schulen, Polizei, Justiz und Beratungsnetzwerken. Darüber hinaus helfen wir Schülerinnen und Schülern mit mehr Demokratie- und Medienbildung, Propaganda und Desinformation gezielt zu erkennen. Extremismus, egal in welcher Form, hat an unseren Schulen nichts verloren“, betonte Clemens.
Hilfsangebote für ElternUnd auch Eltern von Kindern und Jugendlichen mit rechts- oder linksextremistischen Tendenzen sollen mehr Hilfe bekommen. Im Expertennetzwerk „Extremismus“ werden Online-Gesprächsformate vorbereitet, in denen über verschiedene Symbole und Zeichen aufgeklärt wird, was davon strafbar ist und wie man damit umgehen sollte.
Auch in der zentralen Ansprechstelle für extremistische Bedrohungen am Landeskriminalamt Sachsen, ZASTEX, sollen „Lehrer einen erleichterten Zugang bekommen“, so Innenminister Schuster. Er wolle weg vom bisherigen Vorgehen, bei dem das Präventionsteam „erst gerufen wird, wenn schon die Hütte brennt“.
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