Nach unzähligen Absagen und einer Kündigung kämpft eine 56-Jährige um den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Ihre Geschichte zeigt die Herausforderungen älterer Bewerber.
Chloe Ellingson for BI
Nach 22 Monaten Arbeitslosigkeit fand Kymm Dracup nur eine befristete Stelle und fürchtet weiter um ihre Zukunft.
Die 56-Jährige vermutet, dass ihr Alter ihre Jobsuche erschwert, auch wenn sie das nicht beweisen kann.
Die vielen Absagen hätten ihr Selbstvertrauen stark erschüttert und ihre finanzielle Situation drastisch verschlechtert.
Dieser Essay basiert auf einem Gespräch mit Kymm Dracup, 56, aus Toronto. Er wurde aus Gründen der Länge und Verständlichkeit redaktionell bearbeitet.
Meine Tochter sagt immer zu mir: „Mach dir keine Sorgen, Mama. Du findest schon einen Job. Ich habe deinen Lebenslauf gesehen, der ist großartig.“ Ich glaube nicht, dass ihr bewusst ist, welchen Einfluss mein Alter von 56 Jahren auf mein Selbstvertrauen und meine Jobsuche hat.
Ich war 22 Monate arbeitslos, bevor ich vor einigen Monaten eine befristete Beratertätigkeit fand. Ob daraus eine Festanstellung wird, ist völlig offen. Ehrlich gesagt macht mir meine Zukunft große Angst.
Ich habe unzählige Absagen erhalten und vor Kurzem wurde mir sogar meine Wohnung gekündigt. Mein Selbstvertrauen hat dadurch massiv gelitten. Ich glaube inzwischen, dass Personalverantwortliche meine Verzweiflung in Vorstellungsgesprächen regelrecht spüren.
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Drei Jahre lang leitete ich ein Team eines Unternehmens für Gruppenreisen. 2024 wurde mir gekündigt.
Ich fragte nach dem Grund, bekam aber nie eine Antwort. In der kanadischen Provinz Ontario müssen Arbeitgeber eine Kündigung rechtlich nicht begründen. Damit war das Thema erledigt.
Diese Kündigung hat mein Selbstvertrauen schwer erschüttert. Bis heute weiß ich nicht, warum ich gehen musste. Meine Vermutung ist, dass das Unternehmen jüngere Mitarbeiter mit frischen Ideen und neuen Ansätzen einstellen wollte.
Ich glaube, mein Alter erschwert die Jobsuche – beweisen kann ich es aber nicht
Chloe Ellingson for BI
Nach meiner Kündigung bewarb ich mich überall, wo es möglich war. Zunächst vor allem auf Stellen in der Reisebranche, später praktisch auf jede Vertriebsposition.
Eine Absage folgte der nächsten.
Manche Unternehmen erschienen gar nicht erst zu vereinbarten Vorstellungsgesprächen. Oft bekam ich nur automatisierte Absagen. Es kam sogar vor, dass Personalvermittler das Gespräch praktisch sofort beendeten, nachdem sie mich im Videoanruf gesehen hatten.
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Es fühlt sich für mich offensichtlich an, dass mein Alter ein entscheidender Faktor ist. Das Schwierige daran ist nur: Ich kann nicht beweisen, dass die Ablehnungen tatsächlich deswegen erfolgen. Das verletzt mich sehr. Ich habe häufig das Gefühl, dass Personalverantwortliche gar nicht erkennen, welchen Wert ich mitbringe.
Vor fünf Jahren war die Jobsuche noch eine andereAls ich vor fünf Jahren zuletzt auf Stellensuche war, wurden Lebensläufe meiner Meinung nach noch nicht von KI vorsortiert.
Außerdem hatte ich vorher nie Online-Vorstellungsgespräche geführt. Ehrlich gesagt schüchtern sie mich ein. Vor der Kamera wirke ich vermutlich weniger selbstbewusst, weil immer eine gewisse Unsicherheit mitschwingt.
Im persönlichen Gespräch weiß ich genau, wie ich mich präsentieren muss. Über Zoom fällt mir das deutlich schwerer. Meine Generation ist damit aufgewachsen, Menschen von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. Genau dort liegen unsere Stärken.
Hinzu kommt, dass es schlicht viel zu wenige Stellen gibt. Ich habe mich sogar als Empfangskraft in einem Yogastudio beworben – auf eine Einstiegsposition. Zum Vorstellungsgespräch erschien jedoch niemand. So viele Menschen suchen derzeit Arbeit, und ich habe das Gefühl, dass ältere Bewerber oft nicht die erste Wahl sind.
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Als alleinstehende Frau in den Fünfzigern habe ich keinen Partner, der mich in dieser Zeit finanziell unterstützen könnte. Ich bin dringend auf einen Job angewiesen. Auch wenn ich nicht möchte, dass Personaler das merken, glaube ich, dass sie meine Verzweiflung wahrnehmen.
Mit jeder neuen Absage kommen dieselben Gedanken zurück: Ich bin wertlos. Ich bin zu alt. Niemand wird mich einstellen. Dadurch werde ich noch verzweifelter. Es ist ein Teufelskreis.
Ich versuche, mir selbst Mut zu machen. „Kymm, reiß dich zusammen. Weiter geht’s. Ab zum nächsten Vorstellungsgespräch.“ Doch irgendwo im Hinterkopf bleiben die Zweifel.
Manchmal sitze ich in einem Bewerbungsgespräch, nachdem ich tagelang kaum das Haus verlassen und mit niemandem gesprochen habe. Wenn dann plötzlich eine Einladung kommt, kann ich nicht einfach auf Knopfdruck wieder selbstbewusst auftreten.
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Chloe Ellingson for BI
Meine Tochter hat mir angeboten, bei ihr einzuziehen, bis ich zumindest wieder ein Einkommen habe. Ich beteilige mich an den laufenden Kosten, während ich versuche, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.
Ich glaube, für sie ist es schwer, plötzlich einen Elternteil unterstützen zu müssen. Ich habe sie als alleinerziehende Mutter großgezogen. Damals war ich stark. Heute habe ich das Gefühl, komplett zusammengebrochen zu sein.
Ich war zeitweise an einem sehr dunklen Punkt. Ich weiß, dass das auch für sie nicht leicht ist. Was mir in dieser Zeit Kraft gibt, ist mein Glaube an Gott. Ich muss an etwas festhalten können.
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Chloe Ellingson for BI
Die meisten Hochschulabsolventen lernen heute den Umgang mit KI und wachsen mit moderner Technologie auf. Wer in meinem Alter ist, hat eine ganz andere Ausbildung erlebt. Die Technik, mit der wir damals gearbeitet haben, wirkt heute beinahe antiquiert.
Ich hatte keine Vorstellung davon, wie schwierig der Arbeitsmarkt geworden ist. Im Nachhinein wünschte ich, ich wäre besser auf all die Absagen vorbereitet gewesen. Sie können das Selbstwertgefühl enorm angreifen.
Ich wünschte, Lebenserfahrung würde in Unternehmen wieder stärker geschätzt. Es ist unglaublich schwer, aus diesem negativen Gedankenkarussell herauszukommen, wenn ständig neue Absagen eintreffen.
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Mein Rat lautet deshalb: Findet etwas, woran ihr glauben könnt. Etwas, das euch Hoffnung gibt.
Manchmal ist der Glaube das Einzige, was einem bleibt. Und genau daran muss man sich festhalten.
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