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Der Bundesrat und das Säuli: das ungeschriebene Protokoll der Olma

Дата публикации: 06-10-2026 04:16:43

Am 8. Oktober wird Bundespräsident Guy Parmelin in St. Gallen die Olma eröffnen und mit einem Ferkel in den Händen für die Fotografen posieren. Woher stammt die Tradition des bundesrätlichen Säuli-Fotos?

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Ennio Leanza / Keystone

Am 8. Oktober wird Bundespräsident Guy Parmelin in St. Gallen die Olma eröffnen und mit einem Ferkel in den Händen für die Fotografen posieren. Woher stammt die Tradition des bundesrätlichen Säuli-Fotos?

06.10.2026, 06.16 Uhr

4 Leseminuten


Im Oktober herrscht in St. Gallen jeweils für zehn Tage Ausnahmezustand. Die Olma zieht jährlich bis zu 400 000 Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Schweiz an. Das Interesse ist zwar in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen, doch die Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung, wie sie mittlerweile offiziell heisst, ist nach wie vor die grösste und beliebteste Messe des Landes.

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Der St. Galler Bundesrat Karl Kobelt soll die erste Olma 1943 noch inkognito besucht haben, um sich selbst ein Bild der Messe zu machen. Kobelt zählte in den Folgejahren zu den häufigsten Gästen der Olma. 1944 war er Ehrengast, 1954 kam er als offizieller Vertreter des Gesamtbundesrats, nachdem die Landesregierung die Messe offiziell als nationale Messe anerkannt hatte. Die Olma stand damit auf gleicher Stufe wie die Mustermesse Basel, das Comptoir in Lausanne und die Fiera Svizzera in Lugano.

Bundesrat Hans-Peter Tschudi mit einem Lamm in den Armen bei der Eröffnung der 20. Olma am 11. Oktober 1962.

Bundesrat Hans-Peter Tschudi mit einem Lamm in den Armen bei der Eröffnung der 20. Olma am 11. Oktober 1962.

Jules Vogt / Photopress / Keystone

Die Bedeutung der Olma lässt sich auch am Umstand ablesen, dass der Bundesrat noch immer jedes Jahr einen Vertreter nach St. Gallen schickt. Das ist bemerkenswert, weil die Olma 2014 aus dem sogenannten Aide-Mémoire, dem Pflichtenheft für Bundesräte, gestrichen wurde. Der Revision zum Opfer fielen damals auch der inzwischen eingestellte Autosalon in Genf und der Cup-Final des Schweizer Fussballs.

Bundesrätin Elisabeth Kopp eröffnet 1984 die Olma.

Bundesrätin Elisabeth Kopp eröffnet 1984 die Olma.

Bruno Torricelli / RDB / Dukas

Politiker lassen sich gerne mit Tieren fotografieren. Ein Magistrat, der ein kuscheliges Nutz- oder Haustier streichelt, wirkt sofort nahbarer, sanfter und weniger distanziert. Das hilft, das oft steife, bürokratische Image abzulegen.

Kaum ein anderer Anlass eignet sich für die Bundesräte besser, um Volksnähe und Sympathie zum Bauernstand zu zeigen, sofern man mit seiner Eröffnungsrede die Bauernlobby nicht verärgert.

Bundesrat Arnold Koller, ein Olma-Stammgast, posiert 1989 mit Kühen.

Bundesrat Arnold Koller, ein Olma-Stammgast, posiert 1989 mit Kühen.

Erwin Wyrsch / RDB / Getty

Ungeschriebenes Protokoll

Der Olma-Besuch des Bundesrats ist nicht nur fester Bestandteil der Schweizer Politfolklore, er folgt auch einem ungeschriebenen Protokoll. Dazu gehört, dass der Bundesrat auf dem traditionellen Messerundgang am Eröffnungstag mit seiner Entourage durch den Schweinestall gelotst wird und dort ein Ferkel in die Arme nimmt.

Bundespräsidentin Doris Leuthard trägt 2017 das Ferkel gekonnt in ihren Händen.

Bundespräsidentin Doris Leuthard trägt 2017 das Ferkel gekonnt in ihren Händen.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Wann genau der Brauch mit dem Säuli-Foto entstanden ist, darüber streiten sich die Olma-Experten. Der CVP-Bundesrat Arnold Koller, ein Olma-Stammgast, posierte schon 1991 mit einem Ferkel, hielt es allerdings nicht selbst. Er beschränkte sich auf ein zaghaftes Streicheln des Jungtiers. Sein Amtskollege René Felber (SP) hielt ein Jahr später als Bundespräsident lieber ein Küken in den Händen. Der FDP-Magistrat Pascal Couchepin wagte sich im Jahr 2000 etwas weiter vor und trug das Schwein zumindest kurz auf der Hand.

Bundesrat Arnold Koller (Mitte) streichelt 1991 ein Ferkel in den Armen des Präsidenten des Schweizerischen Schweinezüchterverbandes, Hansruedi Gygax.

Bundesrat Arnold Koller (Mitte) streichelt 1991 ein Ferkel in den Armen des Präsidenten des Schweizerischen Schweinezüchterverbandes, Hansruedi Gygax.

Keystone

Bundespräsident René Felber posiert 1992 mit einem Küken.

Bundespräsident René Felber posiert 1992 mit einem Küken.

Keystone

Einer der Ersten, die nach heutiger Massgabe korrekt mit einem Säuli posierten, war Samuel Schmid. Der Berner, damals noch ein ganzer SVP-Bundesrat, bevor er nach der Abwahl von Christoph Blocher 2007 von seiner Partei ignoriert wurde und anschliessend in die BDP übertrat, nahm das Tier 2001 ganz unbefangen auf den Arm. In der Folge posierten die Bundesräte Jahr für Jahr brav mit Säuli. Nur eine Ausnahme verzeichnet das inoffizielle Archiv: Der CVP-Bundesrat Joseph Deiss zeigte sich 2003 mit – Geiss.

Bundesrat Samuel Schmid trägt 2001 das Ferkel souverän in seinen Armen.

Bundesrat Samuel Schmid trägt 2001 das Ferkel souverän in seinen Armen.

Michele Limina / Keystone

Bundesrat Joseph Deiss posiert 2002 an der Seite einer Geiss.

Bundesrat Joseph Deiss posiert 2002 an der Seite einer Geiss.

Eddy Risch / Keystone

2007 vergass Micheline Calmy-Rey ihre Handtasche in Sitten und liess daher auf sich warten. «Wir haben ein Problem – es ist noch in der Luft», klärte der Olma-Direktor Hanspeter Egli das wartende Publikum auf. Die Bundespräsidentin traf verspätet per Helikopter ein.

2017 mussten sich die Fotografen gedulden: Micheline Calmy-Rey vergass ihre Handtasche in Sitten und kam deswegen zu spät.

2017 mussten sich die Fotografen gedulden: Micheline Calmy-Rey vergass ihre Handtasche in Sitten und kam deswegen zu spät.

Regina Kühne / Keystone

Weibliche Ferkel bevorzugt

2012 wurde die damalige Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf von «ihrem» Ferkel angepinkelt. Sie nahm das Missgeschick mit Humor und erklärte den Journalisten, dass bei aufgeregten Tieren und kleinen Kindern eben das Gleiche gelte: «Dann lassen sie alles laufen.»

2012 gab es eine Sauerei: Das aufgeregte Ferkel pinkelte in den Armen von Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf.

2012 gab es eine Sauerei: Das aufgeregte Ferkel pinkelte in den Armen von Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf.

Fabienne Bühler / RDB / Dukas

Um die Kleidung zu schützen, etablierten die Bundespräsidentinnen Viola Amherd und Karin Keller-Sutter das Tragen einer speziellen violetten Schürze mit dem Aufdruck «Just a Girl who loves Pigs» für diesen speziellen Programmpunkt. Mittlerweile werden weibliche Ferkel bevorzugt.

Die Olma-Medienstelle schreibt dazu: «Da weibliche Ferkel Kot und Harn nach hinten absetzen, ist das Risiko einer unerwünschten Überraschung auf Anzug, Kostüm oder Festkleidung beim Fototermin geringer.» Das Geschlecht sei nicht das einzige Kriterium für die Auswahl des Ferkels. Die Verantwortlichen achteten auch darauf, dass das Tier ruhig und zutraulich sei und sich gut für den Fototermin eigne.

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Bald beginnt die Olma. Dann streicheln Regierungsmitglieder – begleitet von einem Weibel mit Zweispitz und Zepter – wieder rosa Ferkel. Doch nicht nur in St. Gallen lebt die Schweiz ihren Hang zu erstaunlich prächtigen politischen Ritualen aus.

In St. Gallen bebt der «Tempel», scharren die Schweine, jubelt das Publikum: aber worüber genau?

Es gibt im Land kaum eine Stadt, die so viel Erfahrung mit Brüchen und Niedergängen hat wie St. Gallen. Das zeigt der Historiker Peter Stahlberger auf. Und auch, weshalb die Olma und die HSG für die Stadt so wichtig sind.

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