Bald beginnt die Olma. Dann streicheln Regierungsmitglieder – begleitet von einem Weibel mit Zweispitz und Zepter – wieder rosa Ferkel. Doch nicht nur in St. Gallen lebt die Schweiz ihren Hang zu erstaunlich prächtigen politischen Ritualen aus.
Bald beginnt die Olma. Dann streicheln Regierungsmitglieder – begleitet von einem Weibel mit Zweispitz und Zepter – wieder rosa Ferkel. Doch nicht nur in St. Gallen lebt die Schweiz ihren Hang zu erstaunlich prächtigen politischen Ritualen aus.
Roger Blum06.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Andreas Becker / Keystone
Am kommenden Donnerstag beginnt in St. Gallen die Olma. Für die St. Galler Regierung bedeutet das auch: Der Standesweibel holt sein Festgewand hervor. Gleich zweimal tritt er während der Messe in Erscheinung. Am Eröffnungstag begleitet er die Regierungspräsidentin Laura Bucher und Bundespräsident Guy Parmelin auf ihrem Rundgang – Säulistreicheln inklusive. Am Tag des Gastkantons, in diesem Jahr Schwyz, ist er wieder dabei, wenn die Regierungspräsidentin ihre Rede hält.
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Der Standesweibel gehört zu jenen staatlichen Traditionen, die in der Schweiz noch erstaunlich lebendig sind. Im Alltag verrichten Weibel und Weibelinnen Dienste für Kantonsregierungen oder Parlamente. An Festtagen aber tragen sie Ornat: in den Kantonsfarben, dazu schwarzer Zweispitz mit Kokarde, Brustschild mit Kantonswappen, weisse Handschuhe und in der Hand das Zepter als Symbol staatlicher Gewalt.
Weibel gab es schon zur Zeit der Grundherren und Vögte. Sie erledigten Botengänge, zogen Bussen ein, zählten bei Wahlen die Stimmen und sorgten für Sicherheit. Die Standesweibel in ihrer heutigen Form kennt man seit dem frühen 19. Jahrhundert. Ihre Gewänder ähneln sich – und unterscheiden sich doch bewusst. Rot-weiss treten etwa die Weibel von Obwalden, Nidwalden, Solothurn, Baselland, Wallis und Jura sowie jene der Eidgenossenschaft auf, blau-weiss jene von Zürich, Luzern und Zug. Freiburg, Basel-Stadt sowie die beiden Appenzell setzen auf Schwarz-Weiss, St. Gallen, Thurgau und Waadt auf Grün-Weiss.
Auch die Choreografie ist geregelt. Ist die gesamte Regierung feierlich unterwegs, schreitet der Standesweibel voran. Hält ein Regierungsmitglied eine Rede, steht die Weibelin links neben ihm.

Yoshiko Kusano
/ Keystone
Gelegenheiten dafür gibt es zuhauf. In vielen Kantonen wird jedes Jahr jene Person, die neu den Vorsitz des Parlamentes übernimmt, in ihrer Wohngemeinde gefeiert. Dann formiert sich ein Zug vom Bahnhof oder vom Gemeindehaus zur Festhalle, vorneweg der Standesweibel. Später sitzen die Prominenten an langen Tischen bei Fleischkäse und Kartoffelsalat oder einem regionalen Pendant und lauschen Reden und Musikvorträgen.
In etlichen Kantonen besuchen Regierungsmitglieder zusammen mit dem Standesweibel zudem Personen, die ihren 100. Geburtstag feiern. Und dann sind da die kantonalen Feste und Gedenktage: das Sechseläuten in Zürich, die Sempacher Schlachtgedenkfeier und die Wallfahrten nach Einsiedeln und nach Flüeli-Ranft in Luzern, die Morgartenfeier in Schwyz und Zug, die Näfelser Fahrt in Glarus, die Stosswallfahrt und die Fronleichnamsprozession in Appenzell Innerrhoden, die Escalade in Genf, die Fête du peuple jurassien oder eben die Olma in St. Gallen.
Auch wenn ein Kanton ein eidgenössisches Schützen-, Schwing-, Jodler- oder Trachtenfest beherbergt, wird der Staat repräsentativ sichtbar. Besonders traditionsbewusst zeigen sich die Berner Behörden: Zum Neujahrsempfang des Diplomatischen Korps im Bundeshaus fahren Vertreter von Kanton und Stadt in Kutschen vor, begleitet von den vorausreitenden, farbenprächtigen Dragonern 1779. Standes- und Stadtweibel fehlen selbstverständlich nicht.
«Wir geloben und schwören»Doch nirgends inszeniert sich der Staat so feierlich wie an den Landsgemeinden von Glarus und Appenzell Innerrhoden. Schon der Aufzug von Regierung und Behörden in gemessenem Schritt und zu Marschmusik ist ein Schauspiel. In Glarus begleitet Militär den Zug, in Innerrhoden wird er von Rhodsfähnrichen umrahmt. Und an der Landsgemeinde wird nicht nur gewählt und abgestimmt: Das versammelte Volk wird vereidigt.
Die Glarner Eidesformel lautet: «Wir geloben und schwören, die Verfassung und die Gesetze des Bundes und des Kantons Glarus treu und wahr zu halten, des Vaterlandes Ehre, Einheit und Kraft, seine Unabhängigkeit, die Freiheit und Rechte der Menschen zu schützen und zu schirmen, so wahr als wir bitten, dass uns Gott helfe.» Die Stimmberechtigten antworten mit erhobenen Schwurfingern: «Dieses schwören wir.»
Noch altertümlicher klingt der Eid in Appenzell Innerrhoden. Er stammt aus einer Zeit, als der Landammann noch richterliche Funktionen ausübte. Die Landleute schwören unter anderem, «die Ehre Gottes, die Ehre des Landammanns und des Landes Nutz und Ehre zu fördern» und von keinem Fürsten oder Herrn besondere Pensionen, Schenkungen oder Gaben anzunehmen. Bekräftigt wird dies mit den Worten: «Das habe ich wohlverstanden, wie es mir vorgelesen und eröffnet worden ist, das will ich wahr und stets halten, treulich und ungefährlich. Also bitte ich, dass mir Gott und die Heiligen helfen. Amen.» Wenn gegen 3000 Menschen diese Worte gemeinsam murmeln, ist das ein bewegender Moment.

Niklas Thalmann
Dass in Appenzell Innerrhoden die Mitglieder des Grossen Rates kein eigenes Amtsgelübde ablegen, dürfte genau damit zusammenhängen. Der Ratsschreiber Roman Dobler vermutet, dass stets die Landsgemeinde als eigentliche Gesetzgeberin verstanden worden sei, nicht der Grosse Rat. Und weil an der Landsgemeinde das anwesende Volk vereidigt wird, sind die Mitglieder des Grossen Rates gleich mit eingeschlossen.
Anders verlief die Entwicklung in Basel-Stadt. Dort strich der 1876 siegreiche Freisinn das Amtsgelübde ersatzlos. Im Zuge der Trennung von Kirche und Staat sollte das Religiöse aus dem Grossratssaal verschwinden. Spätere Versuche, wieder ein Amtsgelübde einzuführen, scheiterten daran, dass man sich auf keine Formulierung einigen konnte, wie Eva Gschwind, die Öffentlichkeitsbeauftragte des Basler Parlamentes, berichtet.
Der Staat zeigt sichSo unterschiedlich die Rituale auch sind, sie erfüllen bis heute denselben Zweck: Sie machen einen Staat sichtbar, der sich im Alltag meist hinter Sitzungszimmern, Akten und Verordnungen verbirgt.
Seit 1947 sind die Weibelinnen und Weibel in der Vereinigung der Standes- und Bundesweibel zusammengeschlossen. Präsidentin ist Diana Boner Sagaria aus Baselland. Vor 29 Jahren war sie die erste Frau unter den Weibeln der Schweiz. «Die Weibel sind ein Stück Tradition. Sie gehören zur Schweiz», sagt sie. Wenn sie im Ornat unterwegs sei, repräsentiere sie den Kanton und signalisiere, dass die Regierung auftrete. Gerade an eidgenössischen Anlässen seien es die Standesweibel, welche die Kantone unterscheidbar machten.
Ihr Selbstverständnis fasst Boner Sagaria in einem schönen Satz zusammen: «Wichtig ist, dass wir unauffällig auffällig sind.»