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«Mengele in Kloten? Quasi unmöglich»: Deutsche Experten schütteln den Kopf über Schweizer Nazi-Aufregung

Дата публикации: 26-09-2026 19:50:33

Seit der hiesige Nachrichtendienst ein Dossier veröffentlicht hat, kennt der Trubel keine Grenzen. Zeit für eine Ernüchterung.

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«Mengele in Kloten? Quasi unmöglich»: Deutsche Experten schütteln den Kopf über Schweizer Nazi-Aufregung

Seit der hiesige Nachrichtendienst ein Dossier veröffentlicht hat, kennt der Trubel keine Grenzen. Zeit für eine Ernüchterung.

26.09.2026, 21.50 Uhr

6 Leseminuten


Initiator grausamster Experimente: Josef Mengele (Mitte) 1944 bei einem Kasino nahe Auschwitz.

Initiator grausamster Experimente: Josef Mengele (Mitte) 1944 bei einem Kasino nahe Auschwitz.

World History Archive / Imago

Man habe gehört, wie er herannahe. Er habe ein paar Töne aus Verdis «Rigoletto» gepfiffen. Eine wunderbare Tonfolge, eigentlich, doch in den Ohren der Häftlinge musste sie wie eine Todesmelodie geklungen haben.

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Davon erzählt der Holocaust-Überlebende Noah Klieger in seiner Biografie «Noah», einem der vielen neueren Bücher, in denen der NS-Doktor vorkommt. Josef Mengele ist omnipräsent, nach wie vor, der Arzt von Auschwitz, der mit einer Handbewegung über Leben und Tod entschied und mit Zwillingen und Kleinwüchsigen auf grausamste Weise experimentierte. Knapp fünfzig Jahre nach seinem Tod ist die dunkle Faszination ungebrochen. Zuletzt kam der Film «Das Verschwinden des Josef Mengele» von Kirill Serebrennikow in die Kinos, der auf dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez basiert.

Einem Bestseller, klar.

Auch in der Schweiz taucht der Kriegsverbrecher gerade überall auf. Seit der Nachrichtendienst vor ein paar Tagen sein Mengele-Dossier veröffentlicht hat, haben sich bereits Dutzende Zeitungs-, Radio- und Fernsehbeiträge damit befasst. Freiwillig hätte der Nachrichtendienst das Dossier nicht freigegeben, er tat es erst nach einem Rechtsstreit mit dem Berner Historiker Gérard Wettstein – nicht ohne vorher gewisse Textstellen mit Schwärzungen unlesbar zu machen. Der Nachrichtendienst erklärte, mit den Schwärzungen halte man den gesetzlichen Quellen- und Mitarbeiterschutz ein. Die Empörung darüber ist gross: «Zensur», protestiert Franziska Zaugg, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Der Bundesrat müsse eingreifen, forderte der «Tages-Anzeiger».

Auch inhaltlich sorgt das Dossier für Aufregung. Hielt sich Mengele in den Sechzigern in Kloten auf? Ging die hiesige Polizei den Hinweisen zu wenig energisch nach? Liess die Schweiz den Massenmörder entkommen, womöglich gar mit Absicht?

Mengele-Experte: «Die Schwärzungen sind unerheblich»

Doch wer mit den etablierten Mengele-Forschern spricht, erlebt eine Ernüchterung. Aus ihrer Sicht ist das Dossier wenig spektakulär. Inhaltlich lasse sich nichts Relevantes erfahren, was nicht bereits bekannt sei, sagt Sven Keller. Der promovierte Mengele-Forscher arbeitet am Münchner Institut für Zeitgeschichte. Es sei ein typisches Mengele-Dossier, zu einem Grossteil zusammengestellt aus alten Zeitungsartikeln und Falschmeldungen.

«Die Schwärzungen im Dossier sind unerheblich und behindern die historische Arbeit nicht», sagt Keller. «Würde ich damit forschen, könnte ich das problemlos tun.» Eine Absage erteilt der Historiker der Spekulation, Mengele sei 1961 in die Schweiz gereist, um seine Frau Martha zu besuchen. Diese wohnte in jenem Jahr für ein paar Monate in Kloten. Kronzeuge dieser Geschichte ist ein «Stern»-Journalist, der andeutete, Mengele womöglich auf dem Balkon der Klotener Wohnung gesehen zu haben.

Doch gebe es für diesen Aufenthalt keine stichhaltigen Beweise, sagt Sven Keller. Tatsächlich erweckt der Artikel den Anschein, als sei Josef Mengele dem Investigativjournalisten im allerletzten Moment entwischt. Das sei typisch für die Mengele-Berichterstattung, erklärt Keller. Auch andere Journalisten hätten berichtet, wie sie Mengele angeblich hätten sichten können – und wie er ihnen dann um Haaresbreite entkommen sei. «Mit diesem Twist konnte man eine Mengele-Story gross aufziehen, ohne dass man Mengele tatsächlich gefunden haben musste.»

Dokumentiert: Mengeles Besuch in Engelberg

Auch bei der Schweizer Berichterstattung geriet jüngst einiges durcheinander. «Machte der ‹Todesengel› Josef Mengele Skiferien in der Schweiz?», fragte bang die «Aargauer Zeitung». Dabei ist die Antwort darauf schon länger klar: Mengeles Besuch in Engelberg ist durch Quellen belegt, es gibt auch Fotos davon. Allerdings war das im Jahr 1956. Also drei Jahre bevor Mengele zur Verhaftung ausgeschrieben und vier Jahre bevor Adolf Eichmann geschnappt wurde.

Die «Bunte» vom 27. Juni 1985 zeigt Mengele und seinen Sohn Rolf während ihrer Ferien in Engelberg 1956.

Die «Bunte» vom 27. Juni 1985 zeigt Mengele und seinen Sohn Rolf während ihrer Ferien in Engelberg 1956.

Hubert Burda Media

«Ist das Mengele?»: Ausschnitt aus dem «Stern»-Artikel über die vermeintliche Sichtung 1961.

«Ist das Mengele?»: Ausschnitt aus dem «Stern»-Artikel über die vermeintliche Sichtung 1961.

NDB

«Allzu grosses Risiko»: Mengeles Besuch in Kloten

Was hingegen den vielbeschworenen Besuch in Kloten betrifft, sprechen die Umstände eindeutig dagegen. Josef Mengele versteckte sich damals auf einem Bauernhof in Brasilien. Der ohnehin argwöhnische Flüchtling musste zu diesem Zeitpunkt besonders vorsichtig sein: 1960 war Eichmann vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst, gekidnappt worden. Mengele hatte in Buenos Aires in denselben Kreisen verkehrt wie der Holocaust-Logistiker, dessen Entführung Mengele entsprechend in die Knochen fuhr.

Dass er nie habe geschnappt werden können, habe auch daran gelegen, dass er stets versucht habe, jedes Risiko auszuschalten, sagt Sven Keller. «Ein Flug ins Herz von Europa im Jahr 1961 wäre ein allzu grosses Risiko gewesen.»

Sein Fazit: «Mengele in Kloten? Quasi unmöglich.»

Historiker: Mengele entwickelte «beinahe paranoide Züge»

Eine Skepsis, die auch andere Mengele-Experten teilen. Holger Meding, Geschichtsprofessor der Uni Köln, sagt: «Es gibt keine Hinweise, dass Mengele nach 1960 Südamerika nochmals verlassen hätte.» Daniel Stahl, Historiker der Universität Jena und auf Mengeles Zeit in Südamerika spezialisiert, sagt: «Nach Eichmanns Entführung zog sich Mengele radikal zurück, und sein Verhalten nahm beinahe paranoide Züge an.»

Auch die Schweizer Historikerin Regula Bochsler, die sich seit längerem mit Mengele beschäftigt, hält den Besuch in Kloten für unwahrscheinlich. Dass Martha Mengele beim Flughafen gewohnt habe, könne aber darauf hindeuten, dass ein solcher Besuch geplant gewesen sei.

Mit diesem italienischen Pass gelang Mengele 1949 die Flucht nach Argentinien.

Mit diesem italienischen Pass gelang Mengele 1949 die Flucht nach Argentinien.

Jackdawson1970 / Wikimedia; CC BY-SA 3.0

Zu den Schwärzungen sagt Bochsler, dass einzig eine unkenntliche Stelle – die Adresse eines Nazi-Sprengstoffexperten, der wie Mengele in Brasilien lebte – ihre Forschung behindere. Im Übrigen seien die Schwärzungen bloss absurd. «Mal ist ein Name geschwärzt, auf einer anderen Seite kann man ihn lesen. Ziemlich dilettantisch.»

Historikerin des Bundesarchivs hat Schwärzungen abgeklärt

Keine Neuigkeiten, unbedeutende Schwärzungen: Eine geschichtswissenschaftliche Sensation ist das Schweizer Mengele-Dossier definitiv nicht. Dass hiesige Historiker nun protestieren, als hätte man ihnen gerade das komplette Bundesarchiv versiegelt, ist dennoch nachvollziehbar. Denn sie fürchten den Präzedenzfall: dass sie künftig vermehrt mit geschwärzten Dossiers arbeiten müssen. Es gehe um eine Prinzipienfrage, erklärt Franziska Zaugg. «Das Bundesgesetz über die Archivierung sieht vor, dass die Originaldokumente eingesehen werden können, also keine Schwärzungen.»

Der Nachrichtendienst verteidigt sich mit dem Hinweis, Historiker des Bundesarchivs hätten die Schwärzungen abgeklärt. Tatsächlich lässt die betreffende Historikerin auf Anfrage ausrichten, eine Aufarbeitung des Dossiers sei ihrer Ansicht nach trotz den Anonymisierungen möglich.

Eine Mengele-«Sichtung» im Tessin

Aufschlussreich ist das Mengele-Dossier so oder so. Denn es zeigt, wie sehr der Lagerarzt die Phantasie der Menschen anregt, heute wie damals. So enthält die Akte neben der Klotener Spekulation weitere vermeintliche Sichtungen. Ebenfalls in den Sechzigern trifft eine Meldung ein, wonach sich Mengele im Tessin als «Dr. Merk» getarnt versteckt halte. Ein Tipp, der sich, wie ein Polizist feststellt, als «Seifenblase» erweist.

Eine Einschätzung, die auch auf weitere Mengele-Sichtungen zutrifft: So glaubt eine Schweizerin, Mengele während ihrer Ferien in Irland gefunden zu haben. Der NS-Doktor lebe dort auf einer abgelegenen Farm und züchte Bienen. Die Meldung ging 1985 bei der Kantonspolizei Zürich ein – da war Mengele bereits sechs Jahre tot, ertrunken nach einem Schlaganfall beim Baden in Brasilien. Ein anderer Schweizer berichtet, er wisse von einer Bäckerin, die den Kriegsverbrecher in Argentinien erkannt habe und später umgebracht worden sei.

Frau Kreis wähnt den Nazi-Doktor in Irland: Auszug aus dem Schweizer Mengele-Dossier.

Frau Kreis wähnt den Nazi-Doktor in Irland: Auszug aus dem Schweizer Mengele-Dossier.

NDB

Solche Meldungen gab es nicht nur in der Schweiz, Menschen sahen überall auf der Welt Mengeles. Es war eine Faszination, die allmählich über die Jahrzehnte gewachsen war: Am Anfang standen seine Verbrechen im KZ, darauf folgten die exotische Flucht durch Südamerika, das rechtsextreme Netzwerk, das ihn schützte, die Verfolgung durch den Mossad und schliesslich die Medien, die all diese Elemente verarbeiteten, selber die Jagd aufnahmen und Mengele zu einem Pop-Star des Bösen werden liessen.

Mengele-Beitrag meistgelesener Artikel der BBC

Das Schweizer Dossier widerspiegelt diese Faszination. Internationale Medien berichten, vom «Spiegel» bis zur «Jerusalem Post». Die grosse Aufmerksamkeit im Ausland zeigt sich auch auf der Homepage der British Broadcasting Corporation: Der Artikel über das Schweizer Mengele-Dossier wurde nach der Veröffentlichung zum meistgeklickten BBC-Beitrag der Woche.

Das Interesse bemerkt auch Gérard Wettstein, der Historiker, der das Dossier freigelegt hat. Er erzählt, noch immer riefen ihn ausländische Journalisten an und spekulierten am Hörer über eine Verschwörung zwischen den Altnazis um Mengele und der Schweizer Behörde.

Klar ist schon heute, dass es weitere Schlagzeilen geben wird. Der Präsident der Sozialdemokraten, Cédric Wermuth, gab letzten Mittwoch eine Interpellation zuhanden des Bundesrats ein: «Mengele-Dossier – Schwärzungen, Schutzfristen und der Umgang des Bundes mit Akten zu NS-Kriegsverbrechern». Und Gérard Wettstein will gegen die verbliebenen Abdeckungen des Nachrichtendienstes eine Beschwerde einlegen.

Klar ist auch, was passieren wird, sollte danach auch nur die kleinste Schwärzung, der kleinste Tolggen im Schweizer Mengele-Dossier übrig bleiben: die Phantasien, sie würden weiter wilde Blüten treiben.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Lange hat sich der Schweizer Nachrichtendienst gewehrt, Einsicht in die Akten zum Kriegsverbrecher Josef Mengele in der Schweiz zu geben. Jetzt kann man sie lesen, aber nicht vollständig. Historiker wollen sich dagegen wehren.

Der Bund gibt Unterlagen über den Nazi-Schergen Josef Mengele frei, die er fälschlicherweise gesperrt hat. Vor 25 Jahren hat der Bund die Papiere schon einmal freigegeben. Eine Posse aus Seldwyla.

In Deutschland läuft eine Debatte über NS-Täter in der Familie. Auch die Schweiz wird mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert. Mehrere neue Forschungsprojekte widmen sich derzeit den Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus.

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