Die Spielzeit 2026/27 am Aalto-Theater beginnt mit einer echten Rarität: Korngolds ‘Das Wunder der Heliane’. Sie haben bereits ‘Die tote Stadt’ dirigiert. Was fasziniert Sie an Korngolds Musik, und war es Ihr persönlicher Wunsch, nun auch Heliane in Essen aufzuführen? Korngolds Musik fasziniert mich durch ihre außergewöhnliche Verbindung von spätromantischer Klangsprache, großer melodischer Erfindungskraft und […]
Die Spielzeit 2026/27 am Aalto-Theater beginnt mit einer echten Rarität: Korngolds ‘Das Wunder der Heliane’. Sie haben bereits ‘Die tote Stadt’ dirigiert. Was fasziniert Sie an Korngolds Musik, und war es Ihr persönlicher Wunsch, nun auch Heliane in Essen aufzuführen?
Korngolds Musik fasziniert mich durch ihre außergewöhnliche Verbindung von spätromantischer Klangsprache, großer melodischer Erfindungskraft und einer geradezu filmischen Vorstellung von Orchesterfarbe. Gleichzeitig ist sie sehr theatralisch und emotional unmittelbar.
Nach meiner Arbeit an der ‘Toten Stadt’ hat mich besonders interessiert, noch tiefer in diese musikalische Welt einzutauchen. ‘Das Wunder der Heliane’ ist dabei eine besondere Herausforderung, weil das Werk musikalisch extrem reich und anspruchsvoll ist und zugleich eine große szenische Kraft besitzt. Dass wir diese Rarität jetzt in Essen auf die Bühne bringen können, freut mich deshalb sehr.
Korngolds Karriere und die Rezeptionsgeschichte seiner Musik wurden durch den Nationalsozialismus nachhaltig gebrochen. Welche Bedeutung hat es für Sie, heute auch Werke auf die Bühne zurückzubringen, die lange aus dem Repertoire verschwunden waren?
Ich finde es wichtig, dass ein Opernrepertoire nicht ausschließlich aus den Werken besteht, die sich über Jahrzehnte im Kanon gehalten haben. Gerade die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat dazu geführt, dass viele Komponisten und Werke aus politischen und historischen Gründen aus unserem Bewusstsein verschwunden sind.
Wenn wir solche Werke heute wieder aufführen, geht es für mich aber nicht darum, sie lediglich als historische Dokumente zu präsentieren. Sie müssen sich auf der Bühne und musikalisch behaupten können. Bei Korngold ist das für mich ganz unmittelbar der Fall. Seine Musik besitzt eine enorme Qualität und spricht auch ein heutiges Publikum direkt an.
Mit La fanciulla del West ging die vergangene Spielzeit in Essen für Sie mit einem außergewöhnlichen Erfolg zu Ende. Die Resonanz von Publikum und Presse war nahezu einhellig positiv. Was hat bei dieser Produktion aus Ihrer Sicht so besonders gut funktioniert?
Ich glaube, es war vor allem die Verbindung von musikalischer Präzision, großer Energie und einer sehr konzentrierten Ensemblearbeit. Puccini verlangt vom Orchester unglaublich viel: Es muss gleichzeitig differenziert, transparent und farbenreich spielen und trotzdem diese enorme emotionale Spannung tragen.
Bei Fanciulla hatte ich das Gefühl, dass Orchester, Sängerinnen und Sänger und die szenische Arbeit sehr unmittelbar zusammengefunden haben. Und genau das ist für mich das Schönste am Musiktheater: Wenn am Ende nicht mehr einzelne Abteilungen oder Personen wahrgenommen werden, sondern eine gemeinsame künstlerische Aussage entsteht.
Andrea Sanguineti (c) Giuseppe OrlandoIhr Weg zum Generalmusikdirektor führte über die klassische Kapellmeisterlaufbahn. Wie wichtig war diese praktische Arbeit von der Pike auf für die Art, wie Sie heute ein Opernhaus und ein Orchester führen?
Sehr wichtig. Die Kapellmeisterlaufbahn lehrt einen, dass Musiktheater vor allem Teamarbeit ist. Man lernt, mit Orchestern, Sängerinnen und Sängern, Chören, Regieteams und den technischen Abteilungen zu arbeiten – und gleichzeitig sehr schnell Entscheidungen zu treffen.
Ich habe gelernt, dass man ein Orchester nicht nur vom Dirigentenpult aus führen kann. Man muss die Strukturen eines Hauses verstehen und die Perspektive der verschiedenen Beteiligten kennen. Diese praktische Erfahrung hilft mir heute sehr in meiner Arbeit als GMD.
Im Juni 2025 wurden öffentlich Vorwürfe gegen Ihren Führungsstil in Essen erhoben. Sie selbst haben sich damals kaum öffentlich dazu geäußert. Inzwischen ist die von der Theaterleitung beauftragte juristische Prüfung abgeschlossen. Zu welchem Ergebnis kam sie – und wie beurteilen Sie die damaligen Vorwürfe heute?
Die damalige Situation hat mich persönlich sehr getroffen. Ich habe mich damals bewusst nicht an der öffentlichen Diskussion beteiligt, weil eine juristische Prüfung lief und ich dieses Verfahren abwarten musste.
Inzwischen ist die Prüfung abgeschlossen, und das Ergebnis ist für mich sehr klar: Mir konnte kein Fehlverhalten nachgewiesen werden.
Das ist ein wichtiger Punkt, gerade weil die öffentlichen Vorwürfe bereits sehr früh eine große Aufmerksamkeit bekommen hatten. Ich habe mich deshalb damals entschieden, nicht mit Gegenvorwürfen oder öffentlichen Auseinandersetzungen zu reagieren, sondern meine Arbeit fortzusetzen und die Prüfung abzuwarten.
Heute kann ich sagen: Ich stehe zu meiner Arbeit, zu meiner Art, Musik zu machen, und zu meiner Verantwortung als GMD. Natürlich kann man über Führungsstile diskutieren und natürlich muss sich jeder in einer solchen Position selbst reflektieren. Aber zwischen einer subjektiven Wahrnehmung, einem Vorwurf und einem nachgewiesenen Fehlverhalten besteht ein erheblicher Unterschied.
Für mich ist deshalb entscheidend, was heute sichtbar ist: Wir haben musikalisch sehr erfolgreiche Produktionen gemacht, und ich habe weiterhin eine intensive und engagierte künstlerische Beziehung zum Aalto-Theater und zu den Essener Philharmonikern.
Andrea SanguinetiIn der damaligen Kritik ging es um Ihren Führungsstil. Sie selbst beschreiben sich als einen Generalmusikdirektor, der sehr präsent ist und in der Probenarbeit hohe Ansprüche stellt. Kann gerade dieser Anspruch auch zu Konflikten führen?
Ich bin ein sehr präsenter GMD, und ich habe hohe künstlerische Ansprüche. Das verstecke ich auch nicht. Ich möchte, dass wir in Essen musikalisch auf höchstem Niveau arbeiten.
Dazu gehört für mich, dass man in den Proben sehr genau arbeitet, dass man Dinge anspricht, die nicht funktionieren, und dass man sich nicht mit dem ersten akzeptablen Ergebnis zufriedengibt. Das gilt für mich selbst übrigens genauso wie für alle anderen.
Aber ein hoher künstlerischer Anspruch ist für mich kein Gegensatz zu Respekt. Im Gegenteil: Wenn ich von einem Musiker oder einer Sängerin viel erwarte, dann bedeutet das auch, dass ich ihnen künstlerisch etwas zutraue.
Natürlich entstehen in einem intensiven Arbeitsprozess manchmal unterschiedliche Auffassungen oder Spannungen. Das ist in einem Theater, in dem täglich viele Menschen unter hohem Zeit- und Qualitätsdruck zusammenarbeiten, nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist, dass man professionell damit umgeht.
Ich würde meinen Führungsstil deshalb nicht als „weich“ beschreiben – aber als klar, engagiert und auf das künstlerische Ergebnis ausgerichtet. Und ich glaube, dass gerade ein Orchester wie die Essener Philharmoniker davon profitiert, wenn der GMD nicht nur bei den Premieren am Pult steht, sondern im täglichen künstlerischen Prozess präsent ist.
Ein Jahr später haben Sie mit demselben Haus und seinen Ensembles künstlerisch sehr erfolgreiche Produktionen realisiert. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit heute, und was haben Sie persönlich aus dieser schwierigen Zeit mitgenommen?
Ich bin vor allem froh darüber, dass wir uns in den vergangenen Monaten wieder ganz auf die Kunst konzentrieren konnten. Rigoletto und insbesondere La fanciulla del West haben gezeigt, was möglich ist, wenn alle gemeinsam für ein künstlerisches Ziel arbeiten.
Natürlich nimmt man aus einer schwierigen Situation immer etwas mit. Für mich ist noch deutlicher geworden, wie wichtig Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und klare Strukturen sind.
Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass ein Theater ein Ort bleiben muss, an dem man ambitioniert arbeiten, offen miteinander sprechen und um Qualität ringen kann. Respekt und Vertrauen und ein hoher künstlerischer Anspruch schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Beides gehört für mich zusammen.
Neben Ihrer Arbeit in Essen sind Sie regelmäßig international tätig. In diesem Jahr haben Sie unter anderem La traviata in Nizza dirigiert und sind nach Ihrem Debüt mit Don Giovanni 2024 mit Le nozze di Figaro zum Savonlinna Opera Festival zurückgekehrt. Was bedeutet Ihnen diese internationale Arbeit neben Ihrer Position als GMD?
Die internationale Arbeit ist für mich eine sehr wichtige Ergänzung zu meiner Tätigkeit in Essen. Man begegnet anderen Orchestern, anderen musikalischen Traditionen und natürlich auch unterschiedlichen Arbeitsweisen. Das erweitert den eigenen Horizont.
Gleichzeitig nehme ich diese Erfahrungen immer auch mit zurück nach Essen. Umgekehrt ist die kontinuierliche Arbeit mit einem eigenen Orchester etwas, das ich bei Gastengagements sehr schätze. Diese beiden Seiten – die langfristige Entwicklung eines Orchesters und die immer wieder neue Begegnung mit anderen Häusern und Ensembles – ergänzen sich für mich sehr gut.
Und natürlich ist es auch eine große Freude, unterschiedliche musikalische Welten kennenzulernen: von Puccini und Verdi bis Mozart und dem französischen Repertoire.
Neben ‘Das Wunder der Heliane’ stehen in Essen in dieser Spielzeit weitere spannende Werke auf Ihrem Programm, auch im sinfonischen Bereich. Worauf freuen Sie sich besonders?
Die Spielzeit ist musikalisch sehr abwechslungsreich. Mit Beethoven haben wir einen besonderen Schwerpunkt, denn wir beschäftigen uns mit seiner Dritten und Neunten Sinfonie. Gerade diese beiden Werke zeigen zwei sehr unterschiedliche Seiten dieses Komponisten – von der revolutionären Energie der Eroica bis zur universellen Botschaft der Neunten.
Daneben freue ich mich sehr auf Mahlers Erste Symphonie. Mahler ist für mich immer eine besondere Herausforderung, weil seine Musik eine enorme klangliche und emotionale Spannweite besitzt. Gerade die Arbeit mit einem Orchester an dieser Musik ist unglaublich inspirierend.
Auch auf Cavalleria rusticana und Pagliacci freue ich mich sehr. Das ist gewissermaßen mein Heimatrepertoire. Ich habe diese beiden Werke immer besonders geliebt, weil sie eine unmittelbare, leidenschaftliche und sehr körperliche Musiksprache haben. Gleichzeitig sind sie musikalisch viel differenzierter, als man manchmal denkt. Gerade in der scheinbaren Einfachheit steckt eine große Kunst.
Und zum Abschluss der Saison wenden wir uns mit Respighis Pini di Roma und Fontane di Roma noch einmal einer ganz anderen Klangwelt zu. Diese Werke sind geradezu eine Hommage an die Farbe des Orchesters – sie verlangen eine enorme Präzision, aber gleichzeitig Fantasie und Sinn für Atmosphäre.
Ich mag diese Mischung sehr: Beethoven als Fundament, Mahler als Übergang in die Moderne, mein italienisches Heimatrepertoire und schließlich Respighis außergewöhnliche orchestrale Farbigkeit. Für ein Orchester ist es spannend, sich innerhalb einer Saison immer wieder auf völlig unterschiedliche Klangsprachen einzulassen.
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