Ein Schlaganfall kann mit 40 oder 45 Jahren auftreten. Welche Risikofaktoren dahinterstecken und warum die Ursachen bei Jüngeren vielfältiger sind.
Ein Schlaganfall kann mit 40 oder 45 Jahren auftreten. Welche Risikofaktoren dahinterstecken und warum die Ursachen bei Jüngeren vielfältiger sind.
Als der bekannte US-Schauspieler Luke Perry nach einem Schlaganfall starb, war er erst 52 Jahre alt. Sein Fall machte 2019 sichtbar, was viele unterschätzen: Ein Schlaganfall kann auch mitten im Leben auftreten.
Eine neue Studie liefert nun aktuelle Daten dazu: Bei Erwachsenen zwischen 20 und 54 Jahren hat sich die Schlaganfallrate in der untersuchten Region zwischen 1993/94 und 2020 nahezu verdoppelt – von 33,9 auf 62,2 Fälle pro 100.000 Personenjahre. Gleichzeitig sank die Rate bei älteren Erwachsenen. Besonders deutlich war der Anstieg bei ischämischen Schlaganfällen.
Dr. med. Mimoun Azizi ist Chefarzt des Zentrums für Geriatrie und Neurogeriatrie im KVSW und Facharzt für Neurologie. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Die neue Untersuchung basiert auf Daten aus der Greater-Cincinnati/Northern-Kentucky-Region in den USA. Über sechs Erhebungszeiträume zwischen 1993/94 und 2020 wurden mehr als 2000 erste Schlaganfälle bei 20- bis 54-Jährigen erfasst. Die Entwicklung ist dabei bemerkenswert: Während die Schlaganfallrate bei Jüngeren zunahm, ging sie bei den älteren Erwachsenen zurück. Der Anstieg bei den Jüngeren wurde vor allem durch ischämische Schlaganfälle verursacht, bei denen ein Blutgefäß im Gehirn verschlossen wird.
Damit reiht sich die aktuelle Untersuchung in frühere Beobachtungen ein. Eine Analyse aus New Jersey zeigte zwischen 1995 und 2014 einen deutlichen Anstieg bei jüngeren Erwachsenen, besonders bei den 35- bis 39-Jährigen. Auch eine europäische Untersuchung mit mehr als 15.000 Betroffenen fand zwischen 1998 und 2010 eine Zunahme bei jungen Erwachsenen.
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Ein Teil der Erklärung: Klassische Gefäßrisiken treten früher auf. Bei jüngeren Menschen häufig beobachtet werden:
Die neue Studie zeigt ebenfalls, dass Bluthochdruck und Diabetes bei jungen Schlaganfallpatienten über den untersuchten Zeitraum häufiger dokumentiert wurden. Auch Substanzkonsum nahm zu.
Beim ischämischen Schlaganfall wird ein Blutgefäß im Gehirn verschlossen, beim hämorrhagischen tritt Blut aus einem Gefäß aus. Bei jüngeren Menschen kommen neben klassischen Gefäßrisiken weitere Auslöser infrage.
Dazu zählen Herzrhythmusstörungen, ein offenes Foramen ovale (PFO), bestimmte Gerinnungsstörungen und die Dissektion einer Halsarterie. Dabei kann sich die Gefäßwand aufspalten und die Bildung eines Blutgerinnsels begünstigen. Auch Schwangerschaft und Wochenbett sind besondere Risikosituationen.
Gerade weil hoher Blutdruck meist keine Beschwerden verursacht, kann er jahrelang unbemerkt bleiben. Studien bei jüngeren Schlaganfallpatienten zeigen eine zunehmende Häufigkeit klassischer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen. Auch die aktuelle Untersuchung bestätigt diesen Trend: Bluthochdruck und Diabetes wurden bei jungen Schlaganfallpatienten im Zeitverlauf häufiger dokumentiert.
Auch Schlafapnoe wird zunehmend berücksichtigt. Bei dieser Erkrankung kommt es im Schlaf wiederholt zu Atemaussetzern. Dadurch können Sauerstoffversorgung, Blutdruck und Herz-Kreislauf-System belastet werden.
Besonders bei jungen Frauen ist Migräne mit Aura relevant. Dabei können vorübergehende Sehstörungen, Kribbeln oder Sprachprobleme auftreten. Eine Aura ist keine Schlaganfall-Diagnose. Untersuchungen zeigen jedoch einen Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für ischämische Schlaganfälle. Rauchen und bestimmte kombinierte hormonelle Verhütungsmittel können das Risiko zusätzlich beeinflussen.
Entscheidend ist die individuelle Kombination von Risikofaktoren. Eine pauschale Aussage wie „die Pille verursacht Schlaganfälle“ wäre deshalb falsch.
Wer mit 35 plötzlich Sprachstörungen, eine halbseitige Schwäche, Taubheitsgefühle, Sehstörungen oder ausgeprägten Schwindel entwickelt, denkt möglicherweise zuerst an Migräne, Kreislaufprobleme oder Übermüdung.
Doch bei plötzlich auftretenden neurologischen Ausfällen zählt Zeit. Warnzeichen sind ein herabhängender Mundwinkel, eine einseitige Schwäche oder Taubheit sowie Sprach- oder Verständigungsstörungen. Auch Sehstörungen, Gangunsicherheit oder ein ungewöhnlich heftiger Kopfschmerz können auf einen Schlaganfall hindeuten. Dann gilt: sofort den Notruf wählen und nicht abwarten.
Viele wichtige Risikofaktoren sind beeinflussbar: Blutdruck und Blutfette kontrollieren, Diabetes behandeln, nicht rauchen und regelmäßig bewegen. Bei chronischen Schlafproblemen kann eine Abklärung sinnvoll sein. Das schützt nicht vor jedem Schlaganfall. Aber Gefäßrisiken entstehen nicht erst im hohen Alter.
Gerade die neue Studie unterstreicht, warum Prävention bei Jüngeren stärker in den Blick rücken sollte: Während die Schlaganfallrate bei den 20- bis 54-Jährigen über den Untersuchungszeitraum stieg, nahm die 30-Tage-Sterblichkeit nach einem Schlaganfall in dieser Altersgruppe gleichzeitig leicht ab – von 11,7 auf 9,4 Prozent. Fortschritte in Diagnostik und Behandlung können also die Überlebenschancen verbessern, verhindern aber nicht, dass mehr junge Menschen überhaupt einen Schlaganfall erleiden.
Die Forschung liefert kein simples weltweites Bild. In mehreren Regionen steigen bestimmte Schlaganfallraten bei jüngeren Erwachsenen, während sie bei älteren Menschen zurückgehen. Die neue Untersuchung aus Cincinnati und Kentucky zeigt diesen Unterschied besonders deutlich: Zwischen 1993/94 und 2020 stieg die Rate bei 20- bis 54-Jährigen von 33,9 auf 62,2 Fälle pro 100.000 Personenjahre, während sie bei älteren Erwachsenen von 618,8 auf 453,0 Fälle sank.
Jung zu sein schützt also nicht automatisch vor Gefäßerkrankungen. Wer Risikofaktoren früh erkennt und plötzlich auftretende neurologische Symptome ernst nimmt, kann dazu beitragen, dass ein Schlaganfall schneller erkannt und behandelt wird.
Bei einem Schlaganfall können Sekunden über die Schwere der Hirnschäden entscheiden. Der sogenannte FAST-Test kann Ihnen dabei helfen, erste Anzeichen eines Schlaganfalls schnell und einfach zu erkennen.
In vielen Fällen verursacht ein Schlaganfall untypische und damit keine der genannten Symptome oder diese verschwinden schnell wieder. Trotzdem kann ein Schlaganfall vorliegen. Rufen Sie in diesem Fall unbedingt trotzdem den Notruf.
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