Herz-Risiko! Charité-Forscher warnen vor Süßstoff Xylit
Das Süßungsmittel Xylit steckt in zuckerfreien Kaugummis, Zahnpasta und Diät-Getränken. Eine große Langzeitstudie zeigt jetzt, dass hohe Mengen im Blut mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall zusammenhängen.
Wer zu zuckerfreien Produkten greift, tut das in der Regel, weil er sich etwas Gutes tun will. Viele Zahnärzte empfehlen Xylitol (auch bekannt als Xylit oder Birkenzucker) sogar aktiv, weil es Kariesbakterien hemmen soll – es steckt deshalb nicht nur in Diät-Lebensmitteln, sondern auch in Zahnpasta, Kaugummis und Mundspülungen.
Doch wie sicher ist der Ersatzstoff wirklich? Neue Daten, die am Samstag auf dem ESC Congress in München vorgestellt werden – einem der weltweit größten Herzkongresse –, geben zumindest Anlass, genauer hinzuschauen. Erhöhte Xylit-Werte im Blut gehen demnach mit einem gesteigerten Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Schlaganfall oder Herzinfarkt einher.
„Wir haben in früheren Studien gezeigt, dass Xylit die Fähigkeit von Blutplättchen erhöhen kann, Gerinnsel zu bilden“, sagt Studienleiter Marco Witkowski von der Berliner Charité vorab des Kongresses.
Solche Blutgerinnsel können gefährlich werden, indem sie sich lösen und beispielsweise Blutgefäße in der Lunge verstopfen. Das kann eine lebensbedrohliche Lungenembolie verursachen. Schon 2024 veröffentlichte sein Team eine Studie im „European Heart Journal“ dazu: Bei rund 3300 Herzpatienten zeigte sich über drei Jahre ein deutlich erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko bei hohen Xylit-Werten im Blut.
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Die Einschränkung damals: Die Daten stammten von Personen, bereits zuvor ein Herz-Kreislauf-Leiden hatten, auch ging die Studie nur über einen relativ kurzen Zeitraum. „Hier haben wir nun untersucht, ob Xylit auch in der Allgemeinbevölkerung über deutlich längere Zeiträume mit einem erhöhten Risiko verbunden ist“, kommentiert Witkowski nun die neue Studie.
Dafür werteten die Forscher Daten von 17.710 Teilnehmenden aus zwei großen Langzeitstudien aus: Der Canadian Longitudinal Study on Aging und der europäischen EPIC-Norfolk-Studie. Das Ergebnis: Menschen mit den höchsten Xylit-Blutwerten hatten ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse.
In beiden Fällen zeigte sich ein klarer Trend: je höher der Xylit-Spiegel, desto höher das Herz-Risiko.
Dabei spielten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, Alter, Geschlecht und Body-Mass-Index (BMI) keine Rolle. All das könnten Faktoren sein, die Menschen möglicherweise überhaupt erst zu kalorienarmen Produkten greifen lassen. Doch der Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn solche Risikofaktoren herausgerechnet wurden.
Xylit kommt zwar natürlicherweise im Körper vor, allerdings nur in winzigen Mengen. In industriell hergestellten Produkten wird es dagegen in oft mehr als tausendfach höherer Dosierung eingesetzt. Und der Einsatz nimmt zu, sagen die Forscher.
„Künstliche Süßstoffe werden von Menschen konsumiert, die sie für gesünder halten als Zucker – und Aufsichtsbehörden stufen sie allgemein als sicher ein“, sagt Witkowski. „Unsere Langzeitergebnisse in der Allgemeinbevölkerung zeigen, wie wenig wir über die kardiovaskuläre Sicherheit von Xylit wissen – besonders angesichts der Tatsache, dass die Mengen in Produkten weiter zunehmen.“
Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang, keinen bewiesenen ursächlichen Effekt. Dass hohe Xylit-Werte direkt zu Herzinfarkten führen, lässt sich daraus nicht ableiten.
Dennoch sind die neuen Ergebnisse ein wichtiger Impuls, sagt Dan Atar von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (European Society of Cardiology, ESC). Der Kardiologe und Professor in Norwegen war nicht an der Studie beteiligt. Künstliche Süßstoffe seien zwar von den Aufsichtsbehörden weltweit als sicher eingestuft und von der Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert.
„In dieser Beobachtungsstudie scheint sich jedoch herauszustellen, dass Xylit langfristig negative Auswirkungen auf kardiovaskuläre Ereignisse in der Allgemeinbevölkerung hat. Wie bei allen Beobachtungsstudien lassen sich Kausalzusammenhänge nur schwer ableiten, doch diese Studie zeigt, dass weitere Untersuchungen zu diesem gesellschaftlich wichtigen Thema erforderlich sind.“
Der ESC Congress in München läuft bis zum 31. August 2026. Unter anderem werden die Vorteile von Statinen diskutiert: Die groß angelegte STAREE-Studie untersuchte fast 10.000 gesunde Menschen über 70 Jahre, um festzustellen, ob die Cholesterinsenker auch im höheren Alter noch vor Herzinfarkten und Schlaganfällen schützen – oder ob die Risiken einer zusätzlichen Langzeitmedikation die Vorteile überwiegen. Diese Frage betrifft Millionen älterer Menschen und ihre Ärzte.
Insgesamt werden auf der Konferenz Ergebnisse aus 59 klinischen Studien erwartet sowie drei aktualisierte Leitlinien:
Außerdem wollen die in München versammelten Herzexperten eine neue Definition des Herzinfarkt vorstellen – ein Update, das beeinflussen könnte, wie Mediziner künftig ihre Diagnosen stellen und entsprechend behandeln.
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