Wenn Saarländer reisen, gibt es immer etwas zu erzählen. Und wenn Saarländer zur WM fliegen, dann sowieso. Vor allem, wenn ein Sammler von Fußball-Kostbarkeiten ohne den WM-Pokal heimkommt – und noch etwas fehlt.
Michelbach/Toronto/Boston · Wenn Saarländer reisen, gibt es immer etwas zu erzählen. Und wenn Saarländer zur WM fliegen, dann sowieso. Vor allem, wenn ein Sammler von Fußball-Kostbarkeiten ohne den WM-Pokal heimkommt – und noch etwas fehlt.
„Captain Blue Face“, der wohl bekannteste Fan von Curaçao, hatte die Fahne aus Michelbach noch in der Hand.
Foto: Martin SeylerWas haben das kleine Michelbach im Saarland, eine Fahne aus dem 838-Seelen-Örtchen und die saarländische Faustregel „Ich kenne einen, der kennt einen, der einen kennt“ mit der milliardenschweren Fußball-Weltmeisterschaft zu tun? Und wo ist eigentlich der WM-Pokal? Keinen blassen Schimmer? Na dann mal aufgepasst: Die deutsche Nationalelf gewinnt ihr zweites WM-Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste mit 2:1. Die Partie findet in der kanadischen Metropole Toronto statt, die drei Millionen Einwohner hat. Auf Fotos des deutschen Fanblocks im mit 43.036 Zuschauern ausverkauften Stadion fällt im Oberrang etwas ins Auge. Unter den unzähligen schwarz-rot-goldenen Fahnen ist eine mit einem grünen Wappen drauf. Und jetzt sind wir bei Michelbach. Denn auf dem Wappen ist zu lesen: „DFB Fanclub Michelbach Saar 2023“.
Saarländer auf Fahnen-Suche in Kanada
Und jetzt sind wir bei der Fahne. Denn oh leck, die ist weg! Das Teil aus dem Saarland ist beim Abpfiff verschwunden. Die Michelbach-Fahne bei der WM – einfach stibitzt! Und nun beginnt die Geschichte über jemanden, der wohl der beste Telefon-Joker wäre, wenn im Fernsehen in Günther Jauchs Quiz-Show „Wer wird Millionär?“ irgendeine Frage zu irgendeiner WM auftaucht. Nach dem Spiel der deutschen Elf startet auf typisch saarländische Art die Suche nach den Saarländern, die in Toronto die Michelbach-Fahne aufgehängt hatten. Whatsapp-Frage an den „De Kitte“ in Dudweiler, der schon allerlei Länderspiele miterlebt hat: „Weißt du, wer das ist?“ Antwort: „Nein. Aber ,de Hightower‘ könnte es wissen. Der macht auch viele Länderspiel-Touren.“
Noch mit WM-Pokal: Martin Seyler, Collin und David Bernarding (von links) waren beim Spiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto im Stadion.
Foto: Martin SeylerAnruf bei „Hightower“: „Servus, ,Hightower‘. Hier ist die SZ. Ich habe deine Nummer vom ,Kitte‘ aus Dudweiler. Wie heißt du eigentlich? Und weißt du, wer aus Michelbach bei der WM ist?“ Erst verdutzt, dann locker antwortet ,Hightower‘: „Das ist Martin Seyler.“ Zack! Die saarländische Faustregel, wenn man jemanden oder etwas sucht, hilft immer: Ich kenne einen („De Kitte“), der kennt einen („Hightower“), der einen kennt (Martin Seyler). „Hightower“ erzählt, dass Seyler gerade von der WM zurückgekommen ist – und wieder hinfliegt. Er sagt: „Ich frage ihn, ob er sich bei dir meldet.“ Kurz darauf klingelt das Telefon. Der wohl beste Telefon-Joker, wenn bei „Wer wird Millionär?“ eine WM-Frage auftaucht, ist dran.
Am Telefon wird schnell klar: Der Typ ist WM-verrückt. „Ich habe eine Original-Eintrittskarte vom Finale der ersten WM 1930 in Uruguay“, antwortet Seyler auf die Frage, wo wir ein Foto für den Zeitungsbericht machen können. Zwischen Kofferpacken, der Weitergabe von Karten für das BAP-Konzert in Neunkirchen, das dem zweiten Sprung über den großen Teich binnen weniger Tage zum Opfer fällt, und der 1:2-Niederlage im dritten Gruppenspiel gegen Ecuador mit Kumpels in der Michelbacher Dorfkneipe bleibt ein Zeitfenster für einen Termin bei ihm zu Hause. Also auf nach Michelbach! Das ist ein Ortsteil von Schmelz.
Autogramm von Diego Maradona bis zu einem Trikot von Thomas Müller
Eine Eintrittskarte vom Finale der deutschen Meisterschaft 1952 mit dem 1. FC Saarbrücken über einer vom WM-Finale 1930.
Foto: Oliver AltmaierIm Haus der Familie Seyler wird klar: Hier wohnt der Fußball. Fast überall hängen und stehen Sammelstücke. Über alle weiß der Hausherr eine Geschichte zu erzählen, ruft allerlei Informationen dazu ab. Er scheint ein wandelndes Lexikon zu sein. Was für Sammelstücke er so hat? Von der Final-Karte von 1930 über eine Widmung von Franz Beckenbauer, ein Autogramm von Diego Armando Maradona bis zu einem Trikot von Thomas Müller.
Von Original-Eintrittskarten von WM-Turnieren über Wimpel und Bücher bis zu Hunderten Sammelbildchen, mit denen eine Kellertür beidseitig von oben bis unten beklebt ist. Von einer Original-Pressekarte der WM 1990 in Italien bis zu – ursprünglich – vier WM-Pokalen. Und. Und. Und. Dazu gibt es übrigens unzählige Konzert-Karten und eine ganze Reihe an „Masters of the universe“-Sammelfiguren.
Der Fußball regiert aber nur einen Teil der Familie. Denn Seylers Ehefrau Melanie managt zwar bei Heimspielen des TuS Michelbach die Rostwurst, tanzt ansonsten aber lieber Salsa und „geht nicht mit ins Stadion und schaut nicht mal Fußball im Fernsehen“, wie Sohn Emil verrät. Er dagegen wandelt auf den Spuren des Papas. Beide sind Fans des FC Bayern München und des 1. FC Saarbrücken. Beide sind Unterstützer der Nationalelf. Beide lieben die Stadion-Atmosphäre und das Fanerlebnis bei Spielen.
Oberhalb des Schriftzugs „Toronto“ hängt die Saarland-Fahne, ein Stück weiter rechts die Michelbach-Fahne mit dem grünen Wappen.
Foto: IMAGO/Kirchner-Media/IMAGO/Bahho KaraWM-Reise nach Bosten
Wie vor Kurzem beim DFB-Pokalfinale in Berlin. „Da waren wir von drei Uhr nachts bis neun Uhr am nächsten Tag wach“, erzählt Emil von der Tagestour mit dem Bus. Und der Thomas-Müller-Fan schiebt mit Blick auf den 3:0-Sieg der Bayern gegen den VfB Stuttgart lächelnd hinterher: „Es hat sich aber gelohnt.“
Der 17-Jährige ist ein Grund, warum Seyler nach den ersten beiden Gruppenspielen der deutschen Elf zurückgeflogen ist. Denn Emil wird mit seinem Vater das Sechzehntel-Finale gegen Paraguay an diesem Montag, 29. Juni, um 22.30 Uhr in Boston in den USA live im Stadion miterleben. Die Vorfreude ist riesig. Er ist seit Samstag erstmals außerhalb von Europa. Und es wird sein erstes WM-Spiel. „Ich freue mich am meisten auf die Fantreffs und die Stimmung“, erzählt Emil, der in Lebach das Geschwister-Scholl-Gymnasium besucht. Und in der A-Jugend des SC Gresaubach auf der Sechser- oder Achter-Position kickt.
Martin Seyler und Sohnemann Emil sitzen mit den zwei verbliebenen WM-Pokalen daheim in Michelbach auf der Saarland-Fahne.
Foto: Oliver AltmaierWas seine Kumpels zu seiner WM-Reise sagen? „Ich soll Bilder schicken.“ Neidisch seien sie nicht. Sie freuen sich eher für Emil, der sich in Schule und privat mit den politischen Verhältnissen in den USA beschäftigt hat. Das aber während der WM-Reise versucht auszublenden. Papa Martin hat die USA gerade erlebt und „keinen negativen Erfahrungen gemacht“, wie er sagt.
Mit der Planung für die WM-Tour habe der Steuerfachangestellte vor vier Jahren begonnen, erzählt der 43-jährige Eschringer Bub, den die Liebe nach Michelbach verschlagen hat: „Ich hatte gehofft, dass wir in Mexiko spielen. Im Azteken-Stadion.“ Für einen wie ihn, der 1990 beim 4:0-Sieg in Stuttgart gegen die Schweiz sein erstes Länderspiel miterlebte, wäre eine Partie in dem Geschichte atmenden Fußball-Tempel das Nonplusultra gewesen. Das war ihm zwar nicht vergönnt. Ein mexikanisches Fanerlebnis aber schon.
Am 12. Juni brach Seyler mit David Bernarding und dessen Sohn Collin, die aus Schmelz kommen, und mit Fahnen sowie einem Nachbau des WM-Pokals im Gepäck via Flug von Frankfurt nach Dallas auf. Von dort ging es nach Austin weiter. Dort wohnt der aus Hüttersdorf stammende Gunar Lanzsch, den sie besuchten. „Von Austin aus ging es nach Houston zum Spiel“, erzählt Seyler über die Reiseroute. In Houston spielte die deutsche Elf gegen Curaçao, feierte einen 7:1-Erfolg. In der Stadt leben etwa 655.000 Mexikaner. „Beim Fifa-Fanfest vor der Partie waren so viele Mexikaner“, schwärmt Seyler: „Und im Stadion spielte eine mexikanische Kapelle. Das war eine Mega-Erfahrung.“
„Nach dem Abpfiff war die Michelbach-Fahne weg“
In Houston stand noch ein Besuch im „Space Center“ an, „wo man Gestein vom Mond anfassen darf. Für mich als Sammler war das ein unglaubliches Gefühl“. Über eine Visite an den Niagara-Fällen ging es für die drei Saarländer nach Toronto. Und dort passierte es.
Der Fußball-Weltverband Fifa sei argwöhnisch gewesen. „Die Ordner schoben Stress, wollten nicht, dass Werbung überhängt wird.“ Nichtsdestotrotz hingen im Oberrang des deutschen Fanblocks wie an der Perlenkette aufgereiht Fahnen. Darunter eine schwarz-rot-goldene mit der Aufschrift „Saarland“. Ein paar Meter weiter die Michelbach-Fahne. Beide hatten die Saarländer mitgebracht. „Nach dem Abpfiff war die Michelbach-Fahne weg“, erzählt Seyler enttäuscht. Nachhaken bei Ordnern und im Fifa-Fundbüro – zwecklos. Die Fahne des 2023 gegründeten und 172 Mitglieder zählenden DFB-Fanclubs, dessen Chef er ist, ist verschwunden.
Und es kam noch schlimmer. Am 21. Juni flogen die drei Saarländer zurück nach Deutschland. Mit einer Fahne weniger und dem WM-Pokal ging es zum Flughafen in Toronto. „Nach einem Toilettengang war der Pokal weg“, hadert Seyler, „einfach geklaut worden“. Jetzt hat er von vier Nachbildungen des WM-Pokals nur noch zwei. Denn schon 2015 beim Schlammfußball-Turnier in Gresaubach verschwand ein WM-Pokal.
WM-Fahne weg. WM-Pokal weg. Als künftiger DFB-Fanbetreuer, der sich dann um die Mitglieder des Fanclubs Nationalmannschaft im Saar-Lor-Lux-Raum kümmert, muss er sich sicher einige ironische Kommentare anhören. Aus der Nummer kommt Seyler wohl nur raus, wenn er den echten WM-Pokal mit nach Hause bringt. Geplant haben Vater und Sohn bis zum Viertelfinale, gebucht bis zum 11. Juli. Sollte Deutschland ins Halbfinale kommen, wird das im Saarland geschaut. „Wenn wir das Finale erreichen, habe ich die Option auf das Final-Ticket“, sagt Seyler. Das wäre dann sein dritter Sprung vom kleinen Michelbach über den großen Teich zur milliardenschweren Fußball-WM.