In diesem Jahr feiert der Circus Roncalli sein 50-jähriges Bestehen. Noch bis zum 28. Juni ist der Zirkus mit seiner nostalgischen Erlebniswelt und einer Ausstellung zu seiner Geschichte direkt am Rheinufer neben den Rheinterrassen in Düsseldorf zu erleben.
DÜSSELDORF · In diesem Jahr feiert der Circus Roncalli sein 50-jähriges Bestehen. Noch bis zum 28. Juni ist der Zirkus mit seiner nostalgischen Erlebniswelt und einer Ausstellung zu seiner Geschichte direkt am Rheinufer neben den Rheinterrassen in Düsseldorf zu erleben.
Zirkusnostalgie findet sich auch in Bernhard Pauls Wohnzimmer auf dem Gelände des Roncalli-Quartiers.
Foto: picture alliance/dpa/Rolf VennenberndDort gibt es wegen der großen Nachfrage auch noch Sondervorstellungen. Wir haben mit dem Zirkusgründer Bernhard Paul auf 50 Jahre Roncalli zurückgeblickt.
Mit welchem Gefühl sind Sie ins Jubiläumsjahr gestartet?
Bernhard Paul: Das waren gemischte Gefühle. Einerseits kommt es mir so vor, als ob die Premiere in Bonn gerade erst gestern war. Ich habe die Eindrücke und auch die Gerüche noch ganz frisch im Kopf. Andererseits sind die Anfänge vor 50 Jahren schon ewig her. Ich bin ein Mensch, der beim Feiern eher vorsichtig ist, weil ich weiß, wie schnell etwas passieren kann, das alles verändert. Aber wir haben ein Publikum, das uns seit 50 Jahren die Treue hält und das seit 50 Jahren für fast immer ausverkaufte Vorstellungen sorgt. Das macht mich sehr dankbar. Es wäre ja viel einfacher, zu Hause zu bleiben und dort mit einer Tüte Popcorn auf dem Sofa einen Film zu schauen. Unser Publikum macht sich dagegen auf den Weg zur Manege, um die Vorstellung dort live zu erleben. Wir Zirkusleute sind da sehr privilegiert, weil wir einen Beruf haben, der uns so viel Spaß und Freude bereitet, dass wir eigentlich gar keinen Urlaub brauchen. Jetzt sind wir mit unserer kleinen Zirkusstadt in Düsseldorf direkt am Rheinufer, dann in Ludwigsburg und im September in Wien auf dem Rathausplatz gegenüber des Burgtheaters. Das ist so ein schönes, erfülltes und intensives Leben.
Was bringt die Leute dazu, ihr bequemes heimisches Sofa mit den Holzbänken im Zirkuszelt zu tauschen?
Paul: Das Leben spielt sich bei den meisten Menschen inzwischen nur noch vor verschiedenformatigen Bildschirmen ab, trotzdem gibt es noch immer eine große Sehnsucht nach dem, was man live erleben kann. Wenn man im Zirkus ganz vorne sitzt und die Balletttänzerinnen vor einem auftauchen, hat man bei jedem Schwung den Parfümduft in der Nase und das Gefühl, dass das alles nur für die 1320 Menschen im Zelt passiert. So ein unmittelbares Erlebnis kann durch nichts ersetzt werden. Man spürt die Anstrengung und die Leistung bei artistischen Nummern unter der Zirkuskuppel und kann bei den Clowns unbeschwert lachen, egal ob man ein alter Professor oder ein Grundschüler ist. Das bietet nur der Zirkus.
Der Zirkus ist in Zeiten der großen Kriege in der Welt auch eine kleine Insel der Glückseligkeit.
Paul: Das stimmt, die Politik und die Religionen könnten viel von uns lernen, was das friedliche Zusammenleben von Menschen angeht. Wir sind wie eine große Familie, in der man sich gegenseitig hilft, und ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und zusammen essen und feiern, die an anderen Orten in der Welt Kriege gegeneinander führen. Künstler und Artisten lösen keine Kriege aus, das machen nur machtsüchtige und geldgierige Menschen.
Wie ist Ihr Traum vom Zirkus entstanden?
Paul: Als ich fünf oder sechs war, kam ein Zirkus in unsere kleine Stadt. Das war eine wunderschöne bunte Welt, in die wir eintauchen durften. Ich wusste sofort, das ist meine Welt. Doch der Zirkus fuhr wieder fort und ich saß traurig alleine in dem Kreis aus Sägemehl, in dem sich vorher die bunte Welt der Clowns und Akrobaten aufgetan hatte. Dort habe ich noch einige Pailletten gefunden, die ich zusammen mit ein paar Sägespänen in eine Streichholzschachtel gefüllt und die ich wie eine kleine Reliquie aufbewahrt habe. Seitdem war der Zirkus immer mein großer Traum, den ich mir zunächst nicht erfüllen konnte, weil meine Eltern wollten, dass ich etwas Vernünftiges lerne. So habe ich Hoch- und Tiefbau sowie Grafik studiert, neben der Uni in einer Band gespielt und später als Art-Direktor in einer internationalen Werbeagentur gearbeitet. Unbewusst habe ich damit „Circusdirektor“ studiert, denn all das, was ich damals gelernt habe, konnte ich später dringend gebrauchen. Das hat mich 1976, als ich mit der ersten Premiere in Bonn an den Start ging, von vielen anderen unterschieden.
Wie war es bei der Jubiläumsgala wieder als Clown Zippo in die Manege zurückzukehren?
Paul: Das war die Idee von meinem Sohn Adrian. Er hat mich bei unserem Weihnachtszirkus in Lübeck überrascht. Er stand auf einmal in meinem Kostüm als Zippo geschminkt hinter mir und hat eine meiner alten Nummer gespielt. Vor der Jubiläumsgala hat er gesagt, du musst als Zippo wieder zurück in die Manege. Dort mit ihm als Clownsduo zu stehen, war für mich ein sehr schöner Moment.
Zu ihrer Wahlheimat Köln haben Sie eine besondere Beziehung.
Paul: Mit dem Kölner Publikum zusammen sind wir eine verschworene Gemeinschaft – die Kölner lieben ihren Circus Roncalli. Mit der Politik und Verwaltung war das in der Vergangenheit in Bezug auf neue Projekte leider nicht immer so. Als ich unser Zirkusmuseum in Köln-Mülheim eröffnen wollte, kam aus dem Rathaus ein Brief, der direkt 500 Parkplätze verlangte. Projekte wie Varietés und Weihnachtsmärkte haben wir nur in anderen Städten realisieren können. Dank des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau feiert das Apollo nun in Düsseldorf bald sein 30-jähriges Bestehen und der Weihnachtsmarkt in Hamburg wurde gerade zu einem der zwölf schönsten Weihnachtsmärkte in Europa gekürt. Beim Zirkusmuseum habe ich für den Standort Köln die Hoffnungen weitgehend aufgegeben. Es wird entstehen, wohl aber an einem anderen Ort.
Auch die Plätze für Zirkusgastspiele werden zunehmend zu einer Herausforderung.
Paul: So viel Platz wie am Düsseldorfer Rheinufer haben wir nur selten. Hier konnten wir zum Jubiläum einen historischen Jahrmarkt aufbauen mit zwei großen Spielzelten, einer Jubiläumsausstellung, Oldtimern und alten Salonwagen aus dem Roncalli-Museum, Karussells und ein Riesenrad. Wir konnten unserem Publikum eine kleine Roncalli-Nostalgielandschaft anbieten. Aber wir haben für kleinere Plätze wie in Köln schon Pläne für die Zukunft. Wir waren der erste Zirkus, der Tiere durch Hologramme ersetzt hat, und sind der letzte, der seine Wagen noch mit einem 800 Meter langen Sonderzug der Bahn transportiert, der bald von einer Lok gezogen wird, die mit grünem Strom angetrieben wird. Aktuell arbeiten wir an den Plänen für ein Zirkuszelt der Zukunft, das keine Bodenanker mehr benötigt. Außerdem ist es mit einer Schalldämpfung ausgestattet, sodass es keine Probleme mit den Anwohnern mehr geben wird. Trotzdem wird unser nostalgisches Zirkuserlebnis erhalten bleiben.
Auch in der Familie ist die Zukunft von Roncalli sichergestellt.
Paul: Alle meine drei Kinder haben sich für die Zircuskunst entschieden. Das passiert nicht wie in einer klassischen Fabrik auf einen Schlag, sondern geht langsam Schritt für Schritt vor sich. In einen solchen Kulturbetrieb muss man hineinwachsen. Und Erfahrung sammeln. Deshalb bin ich weiter da für meine beiden Töchter und meinen Sohn Adrian, der im Apollo-Varieté mit seiner Kombination von Varietékunst und Rockmusik große Erfolge feiert. Meine älteste Tochter Vivian Paul-Roncalli ist schon jetzt meine Stellvertreterin. Meine Kinder sind die Zukunft von Roncalli.
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