Viele Käufer halten einen niedrigen Faktor für ein Schnäppchen. Genau das kann beim Immobilienkauf schnell zur teuren Falle werden.
Viele Käufer halten einen niedrigen Faktor für ein Schnäppchen. Genau das kann beim Immobilienkauf schnell zur teuren Falle werden.
Als Bausachverständiger stehe ich jede Woche in Objekten, bei denen die Rechnung auf dem Papier aufgeht und am Bau nicht. Käufer zeigen mir dann ihr Tabellenblatt, in dem alles nach einem Schnäppchen aussieht, und ich muss ihnen erklären, dass die entscheidenden Posten gar nicht drinstehen. Fangen wir deshalb damit an, was die Zahl überhaupt aussagt.
Tobias Beuler ist Bausachverständiger, mehrfacher Spiegel-Bestseller-Autor („Bau keinen Scheiß“) und YouTube-Host. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Der Mietpreisfaktor, in der Fachsprache auch Vervielfältiger oder Kaufpreisfaktor, ist denkbar einfach gebaut: Sie teilen den Kaufpreis durch die Jahres-Kaltmiete. Kostet eine Wohnung 400.000 Euro und bringt sie 1333 Euro Kaltmiete im Monat, also rund 16.000 Euro im Jahr, liegt der Faktor bei 25. Im Klartext heißt das: Sie zahlen das 25-Fache einer Jahresmiete. Oder andersherum gedacht, die Wohnung hätte sich nach 25 Jahren über die eingesparte oder eingenommene Miete bezahlt gemacht, wenn man Zinsen und alles Weitere einmal beiseite lässt.
Der Kehrwert dieser Zahl ist die Bruttomietrendite. Faktor 25 entspricht vier Prozent, Faktor 33 nur noch drei Prozent. Schon an dieser Stelle merken Sie, warum der Faktor so beliebt ist: Eine einzige Zahl macht Objekte über Städte und Größen hinweg vergleichbar.
Es gibt eine grobe Orientierung, die sich seit Jahren hält und die im Kern auch stimmt. Ein Faktor zwischen 20 und 30 gilt als normaler Bereich. Über 30 wird es teuer, weil die Rendite unter drei Prozent rutscht und Sie sehr stark auf weiter steigende Preise hoffen müssen, damit sich das Investment trägt. Unter 20 ist der Preis auffällig niedrig, und genau das sollte Sie misstrauisch machen, nicht euphorisch. Dazu komme ich gleich.
Der Wert von 20 bis 25 gilt in vielen Regionen als gute Anlage. In gefragten Großstädten sind 28 bis über 30 längst Alltag, in strukturschwachen Lagen finden Sie 15 oder weniger. Die Faustregel ist also ein Startpunkt, keine Entscheidung.
Jetzt zur unbequemen Wahrheit. Wer mit der Warmmiete rechnet, betrügt sich selbst. Ich sehe das ständig: Im Zähler steht der nackte Kaufpreis, im Nenner aber die Warmmiete, also Kaltmiete plus Betriebskosten. Das schönt den Faktor nach unten und lässt jedes Objekt günstiger aussehen, als es ist.
Der Denkfehler dahinter: Die Nebenkosten verschwinden nicht, wenn Sie kaufen. Heizung, Wasser, Müll, Grundsteuer, Hausverwaltung, all das zahlen Sie als Eigentümer weiter, oben drauf kommt die Instandhaltung, die kein Mieter trägt. In den Faktor gehört deshalb ausschließlich die Kaltmiete. Alles andere ist Selbsttäuschung mit eingebautem Kaufargument.
Spiegelbildlich rechnen die meisten auf der Kaufseite zu knapp. Der Kaufpreis ist nicht das, was Sie ausgeben.
Bleiben wir bei unserer Wohnung für 400.000 Euro in Nordrhein-Westfalen. Dazu kommen 6,5 Prozent Grunderwerbsteuer, rund 1,5 Prozent für Notar und Grundbuch und, falls ein Makler im Spiel ist, etwa 3,57 Prozent Käuferanteil. Macht zusammen gut 46.000 Euro Kaufnebenkosten. Aus 400.000 Euro werden 446.000 Euro, der Faktor klettert von 25 auf knapp 28.
Wer klug ist, investiert jetzt etwa ein Prozent des Kaufpreises in einen Bausachverständigen, in diesem Beispiel rund 4000 Euro. Damit liegen wir bei 450.000 Euro, und der Faktor steigt gerade einmal von 27,9 auf 28,1. Diese eine Zehntelstelle ist die beste Versicherung, die Sie kaufen können. Der Sachverständige sorgt dafür, dass Sie eine bewusste Entscheidung treffen, im Zweifel auch gegen die Immobilie, oder dass Sie mit den Mängeln in der Hand deutlich besser verhandeln und am Ende sogar Geld sparen.
Und jetzt kommt der Teil, den nur ein Blick in die Bausubstanz liefert. Sagen wir, das Bad ist von 1995, die Elektrik nicht mehr normgerecht, die Fenster sind einfach verglast.
Realistisch 60.000 Euro Sanierung, die in den ersten Jahren ohnehin fällig wird. Damit liegen Sie bei rund 510.000 Euro echtem Einsatz, der Faktor steht jetzt bei knapp 32. Aus dem vermeintlichen Schnäppchen mit Faktor 25 ist ein teures Objekt jenseits der 30 geworden. Dieselbe Wohnung, dieselbe Miete, nur ehrlich gerechnet.
Diese Sanierungssumme ist der Posten, den ich als Sachverständiger liefere und den kein Online-Rechner kennt. Genau hier entscheidet sich, ob ein Kauf trägt.
Käufer freuen sich über einen niedrigen Faktor wie über einen Rabatt. Aus meiner Erfahrung ist er oft das Gegenteil. Der Markt ist nicht dumm. Wenn ein Objekt deutlich unter 20 angeboten wird, hat das fast immer einen Grund, der im Exposé nicht steht: Sanierungsstau, Feuchtigkeit im Keller, ein Dach am Ende seiner Lebensdauer, Schadstoffe in alten Baustoffen, eine schwierige Eigentümergemeinschaft oder eine Lage, in der die Miete nie ernsthaft steigen wird.
Ein niedriger Faktor ist also kein Kaufsignal, sondern eine Aufforderung zur Prüfung. Bei Werten unter 20 lasse ich besonders genau hinschauen, weil der eingepreiste Mangel meist teurer ist als die scheinbare Ersparnis.
Meine Antwort als Sachverständiger ist unromantisch, aber belastbar: Rechnen Sie den Faktor mit der Kaltmiete im Nenner und mit Kaufpreis plus Nebenkosten plus realistischer Sanierung im Zähler. Liegt dieser ehrliche Faktor zwischen 20 und 25, ist die Substanz geprüft und die Lage tragfähig, dann lohnt sich Kaufen in aller Regel.
Zwischen 25 und 30 kann es aufgehen, wenn Lage und Mietpotenzial wirklich stark sind und Ihre Finanzierung den Puffer aushält. Über 30 kaufen Sie eine Wette auf steigende Preise, nicht eine Rendite.
Und der wichtigste Satz zum Schluss: Bevor Sie den Faktor berechnen, lassen Sie die beiden ehrlichen Zahlen ermitteln, die Kaltmiete und die echten Gesamtkosten inklusive Sanierung. Wer mit Warmmiete und Listenpreis rechnet, bekommt eine schöne Zahl. Wer mit Kaltmiete und Vollkosten rechnet, bekommt die Wahrheit.
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