Für die erzprotestantischen Norweger war der Papst in Rom stets eine rückständige und fremdartige, ja gefährliche Macht. Dass die zum Katholizismus konvertierte Nationalschriftstellerin Sigrid Undset zur Heiligen erklärt werden könnte, mutet daher kurios an.
Für die erzprotestantischen Norweger war der Papst in Rom stets eine rückständige und fremdartige, ja gefährliche Macht. Dass die zum Katholizismus konvertierte Nationalschriftstellerin Sigrid Undset zur Heiligen erklärt werden könnte, mutet daher kurios an.
Aldo Keel
15.07.2026, 05.30 Uhr

Al Fenn / The Chronicle Collection / Getty
Es erstaunt, dass Norwegens katholische Kirche eine neue Heilige zu lancieren versucht. Im Fjordland, einer Bastion des Protestantismus, leben nur wenige Katholiken – vor allem Einwanderer, aber auch der Literaturnobelpreisträger Jon Fosse. Jetzt gibt es Pläne, die Schriftstellerin Sigrid Undset (1882–1949), Nobelpreisträgerin auch sie, heiligzusprechen. Sankt Sigrid wäre Norwegens erste Heilige der Neuzeit.
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Der Weg zur Ehre der Altäre ist nicht ganz so kurz. Zuerst wird auf Bistumsebene eine mögliche Seligsprechung geprüft. Dieses Verfahren werde er im Herbst formal für Sigrid Undset eröffnen, verkündete der Bischof von Oslo vor Pilgern in den mittelalterlichen Klosterruinen auf der «heiligen Insel Selja». Zum Heiligwerden ist dann ein neuer Prozess notwendig, der im Vatikan stattfindet. Allerdings es gibt auch Selige, die einfach Selige bleiben und nie Heilige werden.
Auf Selja soll sich der Legende nach die heilige Sunniva im 10. Jahrhundert vor mordlustigen Wikingern versteckt und den Märtyrertod erlitten haben. Auf Selja wollte Sigrid Undset ein Jahrtausend später ein Grundstück erwerben. Allein, die lokalen Behörden befürchteten die Errichtung einer katholischen Missionsstation und unterbanden den Handel.
Gegenspielerin von Knut HamsunSigrid Undset erhielt den Nobelpreis 1928 für ihre «imposanten Schilderungen des Lebens im nordischen Mittelalter». Ihre voluminösen Mittelalter-Romane «Kristin Lavranstochter» und «Olav Audunssohn» sind kürzlich in soliden Neuübersetzungen im Stuttgarter Kröner-Verlag erschienen. Undset war zeitlebens eine engagierte Autorin. Sie kritisierte den Nationalsozialismus, oft in einem Atemzug mit dem Kommunismus, als Ausgeburt neuen Heidentums. Wiederholt trat sie als Gegenspielerin Knut Hamsuns auf, etwa wenn dieser die Wiedereinführung der Todesstrafe für Kindsmörderinnen forderte oder den KZ-Häftling Carl von Ossietzky verhöhnte, dem der Friedensnobelpreis zugedacht war. Als die Deutschen 1940 Norwegen überfielen, floh Undset in die USA, wo sie als Vortragsreisende für Norwegens Freiheit kämpfte.
Undset war bereits eine berühmte Autorin, als sie als 44-Jährige konvertierte. Mit einem Schlag war sie jetzt Norwegens prominenteste Katholikin seit König Olav dem Heiligen, der im Jahr 1030 in der Schlacht von Stiklestad gefallen war. Ihr Wechsel zum «Papismus», wie sich die Presse ausdrückte, traf aber auf wenig Verständnis. Für viele Norweger war die Papstkirche eine rückständige und fremdartige, ja gefährliche Macht. Katholiken galten als Sonderlinge.
Ein Theologieprofessor behauptete sogar, Norwegens Kirche sei im Mittelalter nie «papistisch» gewesen. Aber auch die katholische Kirche machte Undset den Glaubenswechsel nicht leicht. Ihre Ehe war aus katholischer Sicht ungültig, da ihr Gatte in erster Ehe mit einer Frau verheiratet gewesen war, die noch immer lebte. Undset trennte sich von dem Mann, trat einem Laienorden bei und nannte sich Schwester Olave.
Fürsorge für die ArmenDer Bischof pries sie auf Selja als «unerschrockene Verteidigerin des katholischen Glaubens». Sie habe in ihrer Fürsorge für die Armen auf vieles verzichtet. Das Vermögen, das ihr mit dem Nobelpreis zuteilwurde, verwandelte sie in Stiftungen für behinderte Kinder, für die Ausbildung von Kindern armer katholischer Familien und für bedürftige Schriftsteller. Auch verfasste sie eine Biografie über Katharina von Siena, die indes erst postum erschien.
Damit sie in die Schar der Heiligen aufgenommen werden kann, braucht es jetzt aber Wunder, die sich auf Undsets Fürsprache bei Gott zurückführen lassen, etwa die medizinisch nicht erklärbare Heilung eines Schwerkranken. Man darf gespannt sein, was sich Undsets Promotoren einfallen lassen. Dass aber selbst lutherische Staatskirchenpastoren ins Schwärmen geraten können, zeigt Bjørnstjerne Bjørnson in seinem Stück «Über die Kraft» (1883). Die Pastoren werden Zeugen einer vermeintlichen Wunderheilung, fallen auf die Knie und singen «Halleluja».
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