Viele aktive Frauen klagen über Beschwerden. Dagegen kann man etwas tun, aber es geht um mehr als nur den richtigen BH.
Viele aktive Frauen klagen über Beschwerden. Dagegen kann man etwas tun, aber es geht um mehr als nur den richtigen BH.
Manuela Donati05.07.2026, 05.30 Uhr

Illustration Jasmin Hegetschweiler / NZZ
Nicht die fehlende Motivation oder gesundheitliche Einschränkungen: Die Brüste sind der Grund, weshalb gut jede fünfte Frau mit einer Sportart aufhört. Genauer gesagt: dass sie keinen passenden Sport-BH findet, wie eine Studie der Universität Portsmouth aufzeigt. «Viele Frauen kennen ihre Grösse nicht und tragen den falschen Sport-BH», sagt Claudia Glass, die sich mit ihrem eigenen Label Swijin auf die Entwicklung von Sport-BH spezialisiert hat.
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Junge Frauen, die den Sport-BH über ihren BH anziehen. Frauen, die beim Joggen ihre Brüste mit den Händen halten, wie um sie zu tragen. Brüste, die im Vorwärtsbeugen beim Yoga oben aus dem BH fallen. Die Unternehmerin kennt viele solche Leidensgeschichten. «Der Sport-BH wird als Accessoire behandelt», stellt sie fest. «Dabei ist er ein Teil der Ausrüstung, der eine genauso wichtige Funktion hat wie der richtige Schuh.»
Extreme Belastung ohne StabilitätDoch weshalb ist ein gutsitzender BH beim Sport so wichtig? Die Brust besteht aus Fett- und Bindegewebe, reagiert auf die Schwerkraft und macht die Bewegungen des Körpers mit. Diese Brustbewegungen erfolgen auf verschiedene Weisen: auf und ab, seitlich und rotierend. Abhängig von der Körbchengrösse bewegen sich Brüste ohne Halt beim Joggen etwa acht Zentimeter auf und ab, bei Sprungübungen sogar doppelt viel.
Als Veranschaulichung: Bei einer verbreiteten Körbchengrösse wie der 80B wiegen beide Brüste zusammen 500 Gramm. Ohne guten Halt wirkt das Vielfache des Ruhegewichts auf Bänder, Schultern, Rücken und Kniegelenke. Und natürlich auf den Busen. Laut einer australischen Athletinnenbefragung leiden 44 Prozent beim Sport unter Brustschmerzen, im Freizeitsport wird die Zahl ähnlich sein.
Hier kommt nun der gutsitzende und stützende Sport-BH ins Spiel: Gemäss einer Studie aus dem englischen Portsmouth – der Universität mit dem 2014 gegründeten, weltweit ersten Testlabor für Sport-BH – verkleinert ein gutsitzender Sport-BH die Bewegung der Brust. Und das führt zu weniger Belastung und Schmerzen.
Den passenden BH für den Sport zu finden, ist allerdings nicht so einfach. Drei Hauptprobleme hat Claudia Glass bei der Auseinandersetzung mit der Materie identifiziert: Oft engt das Unterbrustband ein und verkürzt die Atmung genau dann, wenn der Brustkorb sich am stärksten ausdehnen muss, nämlich wenn der Sport intensiv wird. Während für Freizeitsportlerinnen die fehlende Stabilität ein Thema sei, litten Profiathletinnen an Schürfwunden, da sie intensiv trainierten und viel schwitzten.
«Was aussieht wie ein Einzelproblem, ist tatsächlich ein breites Systemversagen», sagt Claudia Glass. «Wie auch in der Sportwissenschaft und der Medizin gilt: Es fehlen frauenspezifische Daten und Lösungen.» Aus dieser Erkenntnis heraus und in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) hat sie einen eigenen BH entwickelt, der auch von Schweizer Profiathletinnen getragen wird.
Hormone und HaltungsproblemeBrustschmerzen beim Sport können aber auch andere Ursachen haben. Sibylle Matter Brügger, selbst ehemalige Athletin und leitende Sportärztin bei Medbase Bern und Health-Performance-Managerin bei Swiss Olympic, betont, Brustschmerzen müssten immer individuell angeschaut werden, nur so finde man den Grund und eine Lösung.
Und sie räumt auch gleich mit einem Mythos auf: «Es muss nicht eine grosse Brust sein, die ‹zieht› und schmerzt.» Auch fehlende Rumpfmuskulatur kann Haltungsprobleme und Beschwerden auslösen, etwa nach vorne gerichtete Schultern. Hier sind schlecht gestützte Brüste in Bewegung ein zusätzliches Gewicht, also eine zusätzliche Belastung. In einem solchen Fall können ein gezieltes Training der Rumpfmuskulatur und Haltungsübungen den Schmerzen entgegenwirken.
Auch Hormone können Brustschmerzen verursachen: Die Empfindlichkeit der Brust ändert sich im Verlauf des Menstruationszyklus, viele Frauen empfinden am Ende des Zyklus ein Spannungsgefühl. «Es ist sinnvoll, in dieser Zeit einen stärkeren Sport-BH zu tragen oder etwa Mönchspfeffer gegen die zyklusbedingten Beschwerden zu nehmen», sagt Matter Brügger. Bei übergewichtigen Frauen könne eine Gewichtsreduktion helfen, bei grossem Leidensdruck eine operative Verkleinerung der Brüste.
Fest steht: Die Brust scheint im Sport die unbekannte Grösse zu sein. Diesen Eindruck bestätigt auch Matter Brügger. «Das Thema ist selbst für Athletinnen oft mit Scham behaftet. Viele Frauen tauschen sich bei Problemen eher untereinander aus, als eine Fachperson aufzusuchen.»
So finden Sie den passenden Sport-BHIm Sinne der Brustgesundheit lohnt es sich, in die Wahl des richtigen Sport-BH genauso viel zu investieren wie in die Wahl eines Sportschuhs.
Am wichtigsten ist die Passform: Ein guter Sport-BH engt nicht ein und stützt zuverlässig. Er macht alle Bewegungen mit, ohne dass die Brust oben oder seitlich herausrutscht oder -quillt; im Idealfall ist das ganze Décolleté vollständig bedeckt. Grundsätzlich bieten BH mit Verschluss an der Hinterseite mehr Halt als solche, die über den Kopf gezogen werden, denn Letztere sind aus dehnbarerem Material gefertigt. Ein Brustkompressionsband fixiert das Gewebe und unterstützt die Brust zusätzlich.
Ebenso wichtig ist die Wahl des richtigen Modells für die jeweilige Sportart. Die Belastung bei fliessenden Bewegungen im Yoga oder statischen Haltungen im Pilates unterscheidet sich klar von jener bei High-Impact-Aktivitäten wie Joggen oder Ballsport; der BH sollte dazu passen. Beim Material empfiehlt sich atmungsaktiver, feuchtigkeitsregulierender und schnelltrocknender Stoff, besonders um Scheuerwunden durch Schwitzen zu verhindern.
Ob der Sport-BH wirklich passt, zeigt sich in einem Praxistest. Dieser kann gut in der Umkleidekabine oder zu Hause vor dem Spiegel stattfinden. Vor dem Kauf sollte man die Bewegungen machen, die später auch beim Sport ausgeführt werden: Arme in alle Richtungen strecken, den Körper vorbeugen und im Stehen joggen. Der BH soll die Bewegung mitmachen, ohne sich zu verschieben oder die Atmung einzuschränken. Wer unsicher ist, profitiert von einer Fachberatung oder einem persönlichen Fitting.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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