Frau Klein, Sie kümmern sich auf ihrem neuen Album um das Thema ‘Die Klaviersonate nach Beethoven’ – ein spannendes Feld! Was hat Sie daran gereizt? Obwohl wir Pianisten wahrlich nicht über mangelndes Repertoire klagen können, fällt doch auf, wie selten sich viele Komponisten nach Beethoven an Sonaten für Klavier solo gewagt haben. Das steht einerseits […]
Frau Klein, Sie kümmern sich auf ihrem neuen Album um das Thema ‘Die Klaviersonate nach Beethoven’ – ein spannendes Feld! Was hat Sie daran gereizt?
Obwohl wir Pianisten wahrlich nicht über mangelndes Repertoire klagen können, fällt doch auf, wie selten sich viele Komponisten nach Beethoven an Sonaten für Klavier solo gewagt haben. Das steht einerseits in scharfem Kontrast zu Duosonaten für Melodieinstrument und Klavier, wo die Gattung erhalten blieb, andererseits zur Symphonik, die mit Mahler noch einmal einen echten Höhepunkt erlebt hat.
Schumann und Brahms schreckten in ihrem jugendlichen Selbstbewusstsein vor dieser Aufgabe nicht zurück, auch wenn sie in späteren Jahren die Klaviersonate fallen ließen. Mich reizt an dieser Thematik die Frage, was die Komponisten ab der Romantik aus dieser Gattung herausholen konnten und wollten, obwohl sie nur noch ein Nischendasein führte, auf der anderen Seite interessiert mich aber generell die ‘große Form’.
Im Infomaterial zum Album steht, dass Sie früher selbst Geige gespielt haben, auch in Orchestern, und dass Sie daher eine besondere Liebe zur symphonischen Musik entwickelt haben. Wie kam es dazu?
Ja, ich habe als Jugendliche im Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz auch Geige gespielt, bevor ich als Pianistin im Bundesjugendorchester spielen durfte. Ohne diese prägenden Jahre in Orchestern wäre ich mit großer Wahrscheinlichkeit keine Musikerin geworden. Ich war der Orchestermusik gewissermaßen verfallen und auch wenn ich eindeutig besser Klavier gespielt habe als Geige, habe ich Symphonien von Mahler, Schostakowitsch, Bruckner und Brahms rauf und runter gehört, bis ich sie komplett mitsingen konnte. Auch symphonische Dichtungen waren davon natürlich nicht ausgeschlossen. Das Orchester als sozialer und klanglicher Kosmos haben mich eindeutig geprägt.
Die Klaviersonate wird landläufig als eine Schwestergattung der Symphonie betrachtet. Auch historisch kann man wohl sagen, dass beide Gattungen mindestens eng miteinander verwandt sind, sich parallel zueinander entwickelt und gegenseitig beeinflusst haben. Wo liegen denn für Sie die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Klaviersonate und Symphonie?
Gemeinsam ist der Symphonie und der Sonate, dass sie sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer Art Königsdisziplin entwickelt haben. Beide Gattungen unterliegen einer Tradition mit zu erwartenden Konventionen, diese aber auszudehnen oder gar zu brechen, macht den Reiz der Auseinandersetzung mit der Gattung aus. Die über die Zeit entwickelte Länge der Werke bringt für beide Gattungen zudem ähnliche Herausforderungen mit sich: Wie schafft man es als Komponist, (zumeist) ohne die Zuhilfenahme extramusikalischer Titel und Ideen, also nur mit „reinster“ Musik, über 3 bis 5 Sätze einen Sog zu entwickeln, dem sich der Zuhörer nicht entziehen kann? Im besten Falle entstehen dadurch Meisterwerke, die uns völlig mitreißen. Und auch in der Interpretation ergeben sich ähnliche Aufgaben: Wie setze ich die Höhepunkte, von denen es nicht zu viele geben darf? Wie schaffe ich es, die Spannung aufzubauen, zu erhalten und zu entladen? Wie werde ich der Verschiedenartigkeit des Materials gerecht?
Der wesentliche Unterschied ist allerdings die Beschränkung auf das Klavier im Gegensatz zur reichen Instrumentation des Orchesters, die natürlich viel mehr Möglichkeiten bietet. Ob Klaviersonaten deshalb sinnvollerweise 1,5 Stunden dauern könnten wie die längsten Mahler-Symphonien, wage ich zu bezweifeln. Doch auch das Klavier bietet klangliche Möglichkeiten, und es hat einen großen Vorteil: Ein einziger Interpret bietet auch die größtmögliche Flexibilität in der Agogik, wogegen das Orchester viel starrer agieren muss.
Auf Vol. 1 Ihres Sonatamania-Albums spielen Sie zwei frühe Sonaten von Schumann und Brahms. Wieso ausgerechnet diese beiden Werke? Es hätte ja eine große Auswahl an Möglichkeiten gegeben.
Ja, es gibt natürlich einige Möglichkeiten, und da ich mich ja getraut habe, Vol. 1 dem Titel hinzuzufügen, habe ich noch eine oder mehrere weitere Chancen, den Blick auf dieses Thema zu lenken. In diesem Fall ist der Grund ein persönlicher, da mich diese beiden Werke schon sehr lange begleiten und ich sie ebenfalls in der schon besprochenen prägenden Jugend kennen gelernt habe. Ihre Komplexität, ihr außergewöhnliches Ausdrucksspektrum und ihre jugendliche Radikalität haben mich seitdem immer wieder begeistert. Deswegen mussten es diese beiden Werke sein.
Schumann war im Prinzip ein musikalischer Neuerer, der die Sonate für etwas « in die Jahre gekommen“ hielt und eigentlich nach neuen, modernen Formen suchte. Bereits in seiner ersten Klaviersonate, die Sie auf Ihrem Album interpretieren, ringt er eher mit der Sonatenform, als dass er sich dem traditionell vorgegebenen Rahmen fügt. Würden Sie sagen, dass das typisch ist für die Zeit nach Beethoven: Die Auseinandersetzung der Komponisten mit den traditionellen Formen und die oft sehr individuellen Lösungen?
Ja, vielleicht kann man es so verallgemeinern, zumindest, was die Klaviersonate angeht. Bei Duosonaten für Klavier und Melodieinstrument ist das nicht unbedingt so, aber am Klavier scheint der Anspruch meist derjenige gewesen zu sein, etwas „Außergewöhnliches“ zu schaffen.
Der Anhang Vol. 1 Ihres Sonatamania-Albums legt nahe, dass es sich um ein Projekt mit mehreren Teilen handeln könnte. Wie viele Folgeteile sind denn noch geplant?
Wie viele Teile es werden, ist völlig offen, auch wenn ich durchaus einige Ideen hätte. Ein weiteres Album soll es aber auf jeden Fall werden und mein Plan ist derzeit, die beiden Klaviersonaten von Dukas und Dutilleux aufzunehmen.
Man könnte sich gut vorstellen, dass Sie mit dem Projekt noch auf Jahre hinaus potenzielles Material für Albumaufnahmen haben, aber wie gut ist das Thema „Sonate“ im Konzertleben abbildbar? Glaubt man dem allgemeinen Trend, wünscht sich das Publikum eher Programme mit kürzeren Werken und insgesamt vielfältige Konzertprogramme.
Natürlich würde ich die beiden aufgenommenen Sonaten nie in einem Konzertprogramm miteinander kombinieren, denn es kann nur eine von ihnen in der zweiten Konzerthälfte geben. Tatsächlich aber werde ich in Kürze ein Programm spielen, bei dem ich ausschließlich Sonaten miteinander kombiniere, darunter dann aber beispielsweise die Three-page-Sonata von Charles Ives mische, die vier Sätze in unter 10 Minuten abhandelt. Abwechslungsreiche Programme sind mir tatsächlich wichtig, das schließt aber für mich das Erleben einer großen Sonate nicht aus.
Kathrin Isabelle KleinSonatamania ist jedenfalls ein starker Begriff, der für Alben und Konzertplakate sicher gleichermaßen gut funktioniert. Fast schon eine Marke. Wie sind Sie darauf gekommen?
Wie ich darauf gekommen bin, ist Betriebsgeheimnis. Der Begriff mag dem einen oder anderen zu reißerisch sein, ich fand ihn aber gerade für diese beiden Sonaten und für Schumanns fis-Moll-Sonate im Besonderen sehr passend.
Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit? Werden Sie nun das erste Sonatamania-Album live vorstellen?
Ja, es wird einige Konzerte geben, in Frankreich und Deutschland. Allerdings, wie beschrieben, immer nur mit einer der beiden Sonaten, kombiniert mit anderen Werken. Ansonsten gibt es aber auch andere Programme, die gespielt werden wollen und auch wenn viel Repertoire viel Arbeit bedeutet, ist es für mich die am meisten erfüllende Art, Pianistin zu sein.